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Großfürstin Elisaweta Feodorowna und die Martha-Maria-Schwesternschaft

Nikolaus Thon

Nur wenigen Heiligen der russischen Orthodoxie ist die Aufmerksamkeit zuteil geworden, im Bühnenwerk eines westeuropäischen Autors verewigt zu werden. Eine Heilige unseres Jahrhunderts aber fand, wenn auch ohne Nennung ihres Namens, diese Beachtung: Großfürstin Elisaweta Feodorowna, geborene Prinzessin Elisabeth von Hessen und bei Rhein, der Albert Camus (1913-1960) in seinem 1949 uraufge-führten Werk »Les Justes« ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

In der Tat haben wir es in Elisaweta Feodorowna (1864-1918) mit einer faszinierenden Gestalt zu tun, die zudem Russland, Deutschland und England in einzigartiger Weise miteinander verbindet. Man wird sie als eine der großen Frauengestalten dieses Jahrhunderts bezeichnen können, als eine Frau, der es gelang, tiefe Unterschiede, ja Gegensätze zu versöhnen: »Der Geburt nach eine deutsche Prinzessin mit einem großen Anteil englischen Blutes, wurde sie in den englischen Traditionen und in dieser Sprache erzogen. Doch dessen unbeschadet, hat sie - wie fast alle Ausländerinnen, die Ehefrauen von Mitgliedern der Kaiserlichen Familie und sogar unsere Zarinnen geworden sind, die unsere zukünftigen Zaren geboren und erzogen haben - schnell alles für sie geistlich Notwendige gelernt, um ein echt russischer Mensch zu werden. Wenn wir ihr Leben bei uns in Russland betrachten, so ergibt sich zweifelsfrei, dass ihre innere neue Verwurzelung echt und nicht nur äußerlich oder oberflächlich war.« So urteilte Protopresbyter Aleksander Kiselew.

Vom außergewöhnlichen Charisma dieser Frau war offenbar der französische Botschafter in St. Petersburg des beginnenden Jahrhunderts, Maurice Paleologue, fasziniert. Der äußerst kritische Beobachter der Petersburger Gesellschaft notierte in seinem Tagebuch: »Groß, schlank, mit hellen, unschuldsvollen tiefen Augen, zärtlichem Mund, weichen Zügen, einer geraden und feinen Nase, reinen, ebenmäßigen Linien, ist sie im Gang und in den Bewegungen von bezauberndem Rhythmus. Ihr Gespräch verriet einen schönen Geist, natürlich und ernst veranlagt.« Vor allem erwies sich Elisaweta Feodorowna als eine überzeugte und überzeugende Christin, die schon zu Lebzeiten verschiedene Zeitzeugen, die ihr begegneten, ver-anlasste, ihr den Titel einer Heiligen zuzusprechen. So tat dies ein anglikanischer Bischof, der von der Großfürstin als der »meistgeliebten Frau ganz Moskaus, ja ganz Russlands« sprach und - fast prophetisch - fortfuhr: »Später wird wohl aller Wahrscheinlichkeit nach ein ,hei-lig' ihrem Namen vorangestellt werden.«

Zu den schönsten Früchten, die die russisch-orthodoxe Tradition hervorgebracht hat, gehört zweifelsohne jenes Sozialwerk, das mit dem Namen Elisaweta Feodorownas untrennbar verbunden ist, zumal es getragen wurde vom Geist der ökumenischen Weite.

Elisabeths Weg in die orthodoxe Kirche

Als am 1. November 1864 dem späteren Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein (1837-1892) eine Tochter geboren wurde, erhielt sie in der nach lutherischem Ritus gespendeten Taufe den Namen Elisabeth Alexandra Louisa Alice. Ihre Mutter war Alice von Großbritannien und Irland (1843-1878), eine Tochter der Königin Victoria von England (1819-1901). Der Vorname Elisabeth wurde ohne Zweifel im Gedenken an die große Ahnin und »Hausheilige« der Familie, die Hlg. Elisabeth von Thüringen (1207-1231) gewählt.

Die enge verwandtschaftliche und noch engere geistige Beziehung nach England wurde für die Entwicklung der jungen hessischen Prinzessin von ausschlaggebender Bedeutung: Formal zwar die Tochter eines deutschen Herrscherhauses, fühlte sich Elisabeth doch zunächst mehr als Engländerin. Dieser englische Einfluss verstärkte sich noch entscheidend nach dem frühen Tod der Mutter. Queen Victoria nahm mit der ihr eigenen bestimmenden Art nun noch weit mehr als bisher Einfluss auf die Erziehung. Trotzdem entwickelte sich Elisabeth zu einer selbst-bewussten Persönlichkeit, wie sich spätestens bei der Wahl ihres Ehegatten zeigte. Gegen die von der Queen gewünschten Kandidaten, Erbgroßherzog Friedrich von Baden oder Prinz Karl von Schweden, entschied Elisabeth sich für den fünften Sohn Kaiser Aleksanders II. von Russland, den Großfürsten Sergej Aleksandrowitsch (1857-1905).

Dabei handelte es sich um eine - in regierenden Häusern der Zeit nicht unbedingt häufige - Liebesheirat, die gegen den Widerstand gerade auch der englischen Verwandtschaft durchgesetzt werden musste. Am 3./15. Juni 1884 fand die Vermählung statt: Nach der orthodoxen Trauung in der Hofkirche in St. Petersburg begab sich die Hochzeitsgesellschaft in den Alexander-Saal des Winterpalastes, wo die evangelisch-lutherische Einsegnung durch drei Pastoren vorgenommen wurde. Für die Zarenfamilie im engeren Sinn galt der Grundsatz, dass ihre Mitglieder der Russischen Orthodoxen Kirche angehören mussten. Für die übrigen Mitglieder des Kaiserlichen Hauses herrschte dagegen eine weitgehende Freiheit, weshalb mehrere deutsche Prinzessinnen, die nach Russland geheiratet hatten, ihren lutherischen Glauben beibehalten konnten - was auch Großfürstin Elisaweta Feodorowna zunächst tat.

Die tiefe Religiosität Elisabeths, welche verschiedenen Beobachtern immer wieder auffiel, führte sie dann jedoch einige Jahre später einen anderen Weg. Bereits in den ersten Jahren ihres Aufenthaltes in Russland hatte sie sich verhältnismäßig intensiv mit der vorherrschenden Landesreligion, deren Gottesdiensten und spirituellen Traditionen beschäftigt, wenn sie auch weiterhin von Zeit zu Zeit evangelische Gottesdienste besuchte. Wie sich aus verschiedenen Äußerungen entnehmen lässt, dürfte dabei ihre bei den Aufenthalten in Großbritannien entwickelte Liebe zur hochkirchlichen Richtung der Kirche von England mit ihrem reichen liturgischen Leben eine gewichtige Rolle gespielt haben. Allerdings hatte sie in den ersten Jahren manchmal auch Schwierigkeiten, sich mit der gelebten orthodoxen Volksfrömmigkeit und deren manchmal spontanen Äußerungen anzufreunden, die dem vergeistigten Protestantismus so wenig ähnelten. Zunehmend aber lernte sie die orthodoxe Spiritualität ihrer neuen Heimat schätzen und »stellte sie nicht selten der geistlichen Armut eines entleerten Protestantismus gegenüber«, wie einer ihrer russischen Biografen einmal sagte.

Den entscheidenden Anstoß zu ihrer endgültigen Zuwendung zur Orthodoxie gab vier Jahre nach der Hochzeit eine Pilgerfahrt, die sie mit ihrem Mann aus Anlass der Einweihung der russischen Kirche der Hlg. Maria Magdalena auf dem Ölberg in Jerusalem unternahm. Besonders tief waren die Impressionen in Jerusalem, von wo aus sie ihrem Bruder nach Darmstadt schrieb: »Du kannst dir nicht vorstellen, welch tiefen Eindruck es macht, wenn man in das Heilige Grab eintritt und wie erfreulich es ist, all diese Orte sehen zu können, wo unser Herr wandelte und lebte.« So verstärkte die Teilnahme an zahlreichen orthodoxen Gottesdiensten im Heiligen Land bei der Großfürstin die innere Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Glaubensverständnis.

Die sich abzeichnende Entscheidung zum Konfessionswechsel und deren Aufrichtigkeit versuchte sie nach der Reise in einer Reihe von Briefen den Ihren zu verdeutlichen, denn es war ihre Sorge, dadurch ihre Familie zu verärgern. So schrieb sie an ihren Vater: »Liebster Papa, es gibt etwas, das ich dir erzählen und für das ich deinen Segen erbitten möchte. Du wirst bemerkt haben, als du zuletzt hier warst, welch tiefe Verehrung ich für die Religion hier habe. Seit mehr als anderthalb Jahren denke ich nun nach, lese und bete zu Gott, dass er mir den rechten Pfad weise, und jetzt bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich nur in dieser Religion den ganzen wahren und starken Glauben finden kann, den man an Gott haben muss, um ein guter Christ zu sein. Wie einfach wäre es, alles so zu belassen wie jetzt, aber wie heuchlerisch, wie falsch - ich würde ja alle belügen, wenn ich vorgäbe, nach außen hin in allem ein Protestant zu sein, während meine Seele doch wirklich zu der hiesigen Religion gehört. Ich habe immer wieder so tief über all das nachgedacht, da ich jetzt schon über sechs Jahre in diesem Land bin, und weiß, dass ich die Religion ,gefunden' habe. Ich weiß, es wird viele leid volle Momente geben, da nicht alle diesen Schritt verstehen werden.«

Mit dieser Vermutung hatte sie nur zu Recht. Ihr Vater reagierte - in einem deutsch geschriebenen Brief - tief betroffen und erklärte, er sehe die Notwendigkeit der Konversion nicht ein. Auch ihre Geschwister zeigten kein Verständnis für den Schritt Elisaweta Feodorownas. Ihr Bruder warf ihr vor, sie sei oberflächlich und habe sich nur durch den äußeren Glanz der orthodoxen Kirche anziehen lassen. Daraufhin antwortete sie ihm und erläuterte das Wesen des orthodoxen Gottesdienstes: »Du nennst mich oberflächlich, und sagst mir, der äußere Glanz der Kirche habe mich verzaubert. Darin hast du Unrecht. Nicht eines der äußeren Zeichen hat mich angezogen, nicht der Gottesdienst - sondern die Grundlagen des Glaubens. Die äußeren Zeichen sind ja nur dazu da, uns an die inneren Dinge zu erinnern.«

In einem weiteren Schreiben an den Vater berichtet sie auch, dass keine neue Taufe bei ihrer Aufnahme in die orthodoxe Kirche verlangt würde, sondern nur die Myron-salbung, die sie als Protestantin ja bei ihrer evangelischen Taufe nicht erhalten habe. Zugleich versichert sie, dass sie ihrer ersten Kirche immerdar weiter in Liebe gedenken werde.

Doch unter all ihren Verwandten brachten nur die englischen dem Schritt Elisaweta Feodorownas Verständnis entgegen - vielleicht auch, weil die Anglikanische Kirche, der sie angehörten, zur Orthodoxie engere Beziehungen anstrebte und in ihrem reichen Ritual der orthodoxen Spiritualität sicher näher stand als der damals vom Rationalismus geprägte deutsche Protestantismus. Die Queen jedenfalls kommentierte den Schritt ihrer Enkelin in einem Brief mit den Worten: »Hauptsache, du fühlt dich besser dabei.«

Elisabeth beschränkte sich nicht darauf, die Ernsthaftigkeit ihres Schrittes zu betonen, sondern versuchte, ihn ihren Angehörigen auch inhaltlich zu verdeutlichen: So kündigte sie in einem weiteren Brief an ihren Vater diesem die Zusendung einer Übersetzung des Aufnahmeritus an und betonte noch einmal, dass es sich nicht um eine erneute Taufe handele; vielmehr habe sie einfach das Glaubensbekenntnis zu sprechen, werde dann gesegnet und gesalbt, küsse Kreuz und Evangelium und werde dann die hlg. Kommunion empfangen. Nicht einmal die Beichte würde von ihr verlangt, wenn sie dies nicht selber wünsche.

Am Samstag vor dem Lazarussonntag im April 1891 fand in aller Stille die Aufnahme der Großfürstin nach dem von ihr beschriebenen Ritus in die orthodoxe Kirche statt. Dabei behielt sie ihren Taufnamen Elisabeth bei, er hielt allerdings eine neue Schutzpatronin, nämlich Elisabeth, die Mutter des Vorläufers und Täufers Johannes. Kaiser Aleksander III. schenkte seiner Schwägerin aus An-lass ihrer Konversion eine kostbare Ikone des Mandyli-ons, des nicht von Menschenhand gemalten Bildes des Erlösers, die Elisaweta Feodorowna ihr ganzes Leben sehr hoch schätzte.

Die Frömmigkeit Elisabeths zeichnete sich dadurch aus, dass sie zutiefst in den genuinen Traditionen der orthodoxen Kirche verwurzelt war und daher jeden falschen Mystizismus ablehnte, ja ihm, wo es ging, entgegentrat. So verweigerte sie später beispielsweise allen Bewerberinnen, die ihr von irgendwelchen Visionen berichteten, die Aufnahme in ihre Schwesternschaft. Es sei auch an ihre strikte Ablehnung Rasputins erinnert. Elisaweta Feodorowna verstand ihre Konversion als Vervollkommnung ihres Glaubens. Sie wusste aber sehr wohl um das Gute, das sie in ihrer Jugend im deutschen Luthertum und in der Kirche von England erfahren hatte.

Im Dienst an Kranken und Armen

Das Jahr 1905 markierte im Leben Elisaweta Feodorow-nas eine entscheidende Wende. Während der Unruhen dieses Jahres wurde ihr Mann, der in Moskau als Generalgouverneur amtierte, ermordet. Der tragische Tod ihres Mannes erschütterte Elisaweta Feodorowna zutiefst und führte dazu, dass sie ihr Leben radikal änderte: Wie die Hlg. Elisabeth von Thüringen beschloss sie, sich fortan ausschließlich den Armen, Kranken und Sterbenden zu widmen. Vertraut mit den diakonischen Traditionen im deutschen Protestantismus und in der Kirche von England, aber nun in Russland auch bekannt geworden mit der Tradition orthodoxer Frauenklöster, suchte sie einen Weg, soziales Engagement und russisches Klosterleben miteinander zu verbinden. Ihr Bruder erläuterte dies später so: »Sie hatte mit den Jahren beobachtet, dass es außer den Nonnen, die beinahe zu nichts nutz waren als zum Sticken, noch freie Schwestern in den Kliniken gab, die aber so freidenkend waren, dass sie den gewöhnlichen Russen abstießen. Nun wollte sie ein Mittelding zwischen Kloster und Schwesternschaft gründen. Sie musste etwas, was dem russischen religiösen Geist genehm war, schaffen. So gründete sie das Kloster oder Stift der Martha-Marien-Schwestern.«

Die Großfürstin sah es jetzt als Witwe in der Tat als ihre Aufgabe, ja ihre christliche Pflicht an, einen Konvent neuer Art in Russland zu gründen. Dessen Tätigkeit sollte vor allem in aktiver Sozialarbeit bestehen. Damit wollte sie auch ein Zeichen setzen in der politischen Umbruchssituation ihrer Zeit, sozusagen eine Antwort geben auf die revolutionäre Bewegung, die ihrem Mann das Leben gekostet hatte. Elisawetas Reaktion darauf war »eine Antwort der Liebe und des Glaubens auf Hass und Fanatismus« dieser Jahre; so formuliert es die heutige Vorsteherin der wieder neu entstandenen Schwesternschaft.

Zu Recht galt Elisaweta Feodorowna nach dem Tod ihres Mannes als eine der reichsten Großfürstinnen Russlands. Nun teilte sie ihren ganzen Besitz: Einen Teil erhielt die Staatskasse, einen anderen die Erben ihres Mannes, den größten Teil aber verkaufte sie, um Geld für ihre soziale Arbeit zu haben. Für sich persönlich behielt sie - zur Verwunderung ihrer Verwandtschaft - nichts, nicht einmal ihren Ehering.

Dabei betrieb die Großfürstin die Vorbereitungen für ihre Schwesternschaft mit großer Sorgfalt. Sie besuchte verschiedene Sozialeinrichtungen in Moskau und studierte Autoren der westlichen Christenheit - wie Vinzenz von Paul und Teresa von Avila -, die sich intensiv mit der geistlichen Begründung christlicher Sozialarbeit beschäftigt hatten. Vor allem aber besorgte sie sich die Regeln evangelischer Diakonissenanstalten sowie anglikanischer und römisch-katholischer Schwesternschaften für den karitativen Dienst. Intensiv studierte sie das Leben der Kaiserswerther Diakonissen und der auch in London wirkenden »Little Sisters of Love«, einer französischen römischkatholischen Gemeinschaft. Nicht von ungefähr charakterisierte der englische Diplomat Sir Samuel Hoare die Atmosphäre des Martha-Maria-Stiftes als etwas ihm sehr Vertrautes »wie bei anglikanischen Schwesternschaften«.

Der Name der von Elisaweta Feodorowna gegründeten neuen Schwesterngemeinschaft macht schon deutlich, wo der Schwerpunkt des Konventes liegen sollte, nämlich in der Verbindung von sozialer und geistlicher Aktivität. Daher wurden die beiden Schwestern des Lazarus zu Patronen des Stiftes gewählt: Martha, die »sich um vieles sorgt«, und Maria, die weiß »dass nur eins notwendig ist« (Lukas 10,41 f.). Dazu vermerkte Erzbischof Anastasij: »Schon der Name, den die Großfürstin ihrer Gründung gab, war sehr bezeichnend: Martha-Marien-Konvent. In ihm wurde schon die Mission desselben angekündigt. Die Gemeinschaft war bestimmt wie das Haus des Lazarus zu werden, in dem Christus oft in Bethanien weilte. Die Schwestern des Konventes sind gerufen, in sich das hohe Los der Maria, die die ewigen Worte des Lebens vernimmt, und den Dienst der Martha zu vereinen, indem sie Christus im kleinsten seiner Brüder für sich erkennen.« Die Besonderheit des Stiftes wurde schon an der Kleidung der Schwestern deutlich, die sich vom üblichen schwarzen Habit einer russisch-orthodoxen Nonne abhob und eine völlige Neuentwicklung darstellte.

Zentrum aller Aktivitäten der neu gegründeten Schwesternschaft wurde ein Anwesen an der Bolschaja Ordynka im Herzen Moskaus. Hier hatte die Großfürstin einen Garten mit vier Häusern erworben. Zum Zellentrakt kam bald ein Ambulatorium, ein kleines Krankenhaus, ein Altersheim, ein Waisen- und Gästehaus sowie ein Haus für Geistliche hinzu. Im Ambulatorium hielten mehr als 30 Ärzte Sprechstunden ohne Honorarforderungen ab. Im Jahr 1913 wurden hier fast 11.000 Patienten betreut. Auch die Apotheke gab an die Armen unentgeltlich Medikamente ab. Und eine Küche für Bedürftige versorgte im Jahr 1913 rund 140.000 Bedürftige mit einer kostenlosen Mahlzeit. Ergänzt wurde diese soziale Tätigkeit durch Fort- und Ausbildungskurse für junge Menschen, eine Sonntagsschule und die Führung einer Bibliothek.

Die Schwestern arbeiteten aber nicht nur in ihren Häusern, sondern begaben sich auch in die Stadt zu den Ärmsten, den Kranken und den verwahrlosten Kindern. Als ein Zentrum des städtischen Elends und der Kriminalität galt damals der Stadtteil Chitrowka. Dorthin machten sich die Schwestern auf, und Elisaweta Feodorowna persönlich wagte sich in diese verrufene Gegend. Als die Polizei sie wissen ließ, man könne hier für ihre Sicherheit nicht garantieren, soll sie - so berichtete ihr Bruder - geantwortet haben, ihr Leben stünde in Gottes Hand und nicht in der Hand der Polizei. Die besondere Fürsorge der Schwestern galt den Kindern. Die Schwestern redeten mit den Eltern, vermittelten aber auch Internats- und Ausbildungsplätze.
Dass dies alles nicht nur Zustimmung fand, verwundert nicht: Selbst bei einigen Mitgliedern des Heiligen Synod, der ja das Projekt einer solchen neuartigen Schwesternschaft zu billigen hatte, stieß Elisaweta Feodorowna in der ersten Zeit eher auf Skepsis. Dass der Gedanke einer solch neuartigen Gründung von einer Großfürstin, zudem der leiblichen Schwester der Kaiserin ausging, war dabei keineswegs hilfreich, denn einige Bischöfe konnten sich kaum vorstellen, dass eine Angehörige des Kaiserhauses, darüber hinaus eine konvertierte Ausländerin, zur Verwirklichung der anspruchsvollen Pläne unter Wahrung der orthodoxen Identität fähig wäre. Insbesondere riefen die Pläne Elisawetas, durch ihre Schwestern zu einer Erneuerung des altkirchlichen geistlichen Diakonissenamtes beizutragen, Einwände hervor und trugen ihr sogar den Vorwurf des heimlichen Protestantismus ein. Die Großfürstin berief sich freilich darauf, dass es nach dem Zeugnis des berühmten byzantinischen Kanonisten Bal-samon das Amt und einen entsprechenden Weiheritus für Diakonissen in Konstantinopel noch am Ende des 12. Jahrhunderts sehr wohl gegeben hatte. Dieser Ritus unterschied sich nur in unwesentlichen Dingen von der entsprechenden Ordination für männliche Diakone, wenn auch die Einsegnung der Diakonissen nicht als priesterliche Weihe verstanden wurde.

Trotzdem löste der Gedanke, den Schwestern der Mar-tha-Marien-Kommunität eine kirchliche Weihe als Diakonissen zu spenden, in konservativen kirchlichen Kreisen heftige Diskussionen aus, als die Frage im Herbst 1911 auf die Tagesordnung des Heiligen Synods gesetzt wurde. Besonders der damalige Bischof von Saratow, Ger-mogen (1858-1918), »beschuldigte die Großfürstin ohne jegliche Begründung protestantischer Tendenzen (was er später selbst bereut hat) und beschwor sie, von ihrer Idee zu lassen«, wie einer ihrer Biografen vermerkt. Auch seine Anhänger ergriffen Partei. Bald schaltete sich der bekannte Priestermönch und jetzige Rasputin-Gegner Iliodor (1880-1958) auf Germogens Seite in den Streit ein: »Der Moskauer Metropolit Wladimir möchte der Großfürstin Elisaweta Feodorowna gefallen, die in ihrer Martha-Marien-Gemeinschaft den Stand der Diakonissen nach protestantischer Ordnung einführen möchte. Die Mitglieder des Synods haben zugestimmt. Allein Germogen, der zur Wintersession des Synods geladen war, leistete Widerstand: Er forderte, in dieser Frage sich nicht von dem Wunsche Elisaweta Feodorownas leiten zu lassen, sondern allein von den kirchlichen Kanones.«

Um die Anklagen Bischof Germogens und seine landesweit in der Presse verbreiteten Verdächtigungen gegenstandslos erscheinen zu lassen, bestanden nun allerdings die Hierarchen des Synod gegenüber Elisaweta Feodo-rowna darauf, dass die Frage nach der Wiedereinführung eines mit der Weihe verbundenen Diakonissenamtes nicht im Alleingang gelöst werden könne, sondern einem zukünftigen Landeskonzil zur Entscheidung vorgelegt werden müsse. Zum anderen forderten sie eine deutlich geänderte Fassung der Regel, die jeden Gedanken an eine Diakonissenweihe klar ausschloss. Diese Neufassung fand schließlich die Billigung durch den Heiligen Synod und definierte die Martha-Marien-Gemeinschaft so, dass sie »das Ziel habe, durch die Arbeit der Schwestern, und andere mögliche Mittel im Geiste des reinen Christentums den Kranken und Armen zu helfen und Hilfe und Trost den Leidenden und denen in Kummer und Leid zu spenden«.

Der offizielle Titel der Gemeinschaft lautete nun nach den Vorstellungen des Heiligen Synod »Kreuzesschwestern der Liebe«, um sie deutlicher von den »normalen« Nonnen zu unterscheiden. Tatsächlich war die Schwesternschaft in ihrer Regel stärker auf die Erfüllung sozialer Aufgaben ausgerichtet, als dies bei den Nonnen der orthodoxen Frauenklöster üblich war. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass und wie Elisaweta Feodorowna den Dienst ihrer Schwestern auch als eine geistliche Aufgabe sah. So sagte sie einmal: »Bei all dem muss natürlich die Hauptaufgabe der Schwestern in der moralischen und spirituellen Betreuung liegen. Die unglücklichen Menschen, die in den so genannten Löchern wohnen, bedürfen noch mehr als andere der geistlichen Hilfe.« So ermahnte die Priorin ihre Schwestern immer wieder, den Todkranken und Sterbenden Beichte und Kommunion anzubieten. Auch im Konvent an der Ordynka spielte das gottesdienstliche Leben neben allem sozialen Engagement eine große Rolle. Auch wenn die Priorin wegen der Arbeitsbelastung ihrer Schwestern keine nächtlichen Gebete eingerichtet hatte, fanden an jedem Tag das Morgengebet und die abendliche Vesper statt; vormittags wurde regelmäßig die »Göttliche Liturgie« gefeiert, an der alle Schwestern, die gerade nicht arbeiteten, teilnahmen.

Als Bischof Trifon 1909 die erste Kirche einweihen konnte, betrug die Zahl der Schwestern, die zunächst nach einer provisorischen Satzung arbeiteten, 30. Im Jahr 1914 beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges war der Konvent auf 97 Schwestern angewachsen, 1918 zählte die Ge meinschaft sogar 105 Schwestern. Von ihnen hatte allerdings nur ein kleiner Teil das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt. Wie »modern« Elisaweta Feodorowna dachte, zeigt sich auch daran, dass dieses Gelübde durchaus auch auf Zeit abgelegt und eine Schwester wieder austreten und heiraten konnte. In diesem Fall erhielt sie vom Konvent eine Aussteuer und wurde gut versorgt. Weit vorausschauend verwirklichte die Großfürstin in ihrer Schwesternschaft so etwas wie eine spezifische Form von »Kloster auf Zeit« oder das, was man heute in Deutschland das »diakonische Jahr« nennt.

Martyrium und Neuanfang der Martha-Maria-Schwesternschaft

Die Arbeit der Martha-Maria-Schwestern beeindruckte viele Menschen, die ansonsten der Russischen Orthodoxen Kirche eher reserviert gegenüberstanden, ob es sich nun um kritische Russen oder ausländische Besucher Moskaus handelte. Dennoch fiel der Konvent und seine Priorin der Religionsfeindlichkeit des Bolschewismus zum Opfer. Elisaweta Feodorowna lehnte 1917 alle Angebote ihrer deutschen Verwandten, sie ins sichere Ausland zu holen, ab. Kategorisch erklärte sie: »Ich habe niemandem etwas Böses getan. Gottes Wille geschehe.« In der Osterwoche 1918 wurde sie verhaftet und – zusammen mit zwei Schwestern und zahlreichen Mitgliedern der Kaiserlichen Familie – in ein kleines Uralstädtchen bei Ekaterinenburg gebracht. In der Nacht des 18. Juli 1918 wurden die Inhaftierten dort auf brutale Weise ermordet: Man warf sie lebendig in den Schacht einer alten Mine, wo sie unter Qualen zu Tode kamen. Ein Bauer – so wird berichtet — habe noch lange die ersterbenden Hymnen der Schwestern vernommen. Die später hier operierenden Soldaten der »Weißen Armee« bargen die Toten und brachten die Särge nach China. Von dort wurde der Leichnam Elisaweta Feodorownas nach Palästina überführt. Dort wurde die Großfürstin in der Kirche der Hlg. Maria Magdalena am Ölberg beigesetzt, dem Gotteshaus, das in ihrem Leben eine so große Rolle gespielt hatte.

1981 kanonisierte die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland im Zusammenhang mit anderen Märtyrern der kommunistischen Ära Elisaweta Feodorowna, im Jahr 1992 wurde die Großfürstin und Gründerin der Martha-Maria-Schwesternschaft auch in ihrer Heimatkirche in Russland in die Schar der Heiligen der orthodoxen Kirche eingereiht. Die Erinnerung an die Großfürstin ist nicht nur in Russland lebendig: 1998 wurde in der Westminster Abtei in London im Kreis der Märtyrer des 20. Jahrhunderts auch eine Skulptur von Elisaweta Feodorowna enthüllt.

Die Schwestern in Moskau konnten nach 1918 noch einige Jahre – zuletzt unter der Leitung der Fürstin Golicyn – im Krankenhaus weiterarbeiten. 1928 musste jedoch die Arbeit des einst blühenden Konvents eingestellt werden. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes freilich erwachte der Konvent zu neuem Leben. Durch Entscheid der Moskauer Stadtregierung und mit tatkräftiger Unterstützung von Bürgermeister I. M. Luschkow wurden 1992 die erhaltenen Gebäude des Stiftes an der Odrynka der neu zu gründenden Martha-Maria-Schwesternschaft übergeben. Die Auseinandersetzungen um Grundstück und Gebäude in zentraler Lage der Stadt zogen sich hin. Aber im Mai 1994 konnten die ersten Schwestern mit ihrer Leiterin Marija Iwanowna Krjutschkowa, einer ehemaligen Journalistin, die als Nonne heute den Namen Elisaweta trägt, wieder in das Kloster einziehen. Ihrer Energie vor allem ist es zu verdanken, dass das Gedenken an das segensreiche Wirken der russischen Großfürstin Elisaweta Feo-dorowna der Vergessenheit entrissen und ihre Idee zu neuem Leben auferstehen konnte.

1995 erteilte Patriarch Aleksij II. seinen Segen für die offizielle Wiedereröffnung des Stiftes. Zur gleichen Zeit wurde auch das Waisenhaus für zehn Mädchen neu eröffnet. Genauso wie vor der Revolution beschäftigen sich auch heute die Martha-Maria-Schwestern mit sozialer Tätigkeit, die jetzt professionell gestaltet wird.

Die Schwesternschaft besitzt ein Ausbildungszentrum für Medizin und Pharmazeutik, das auf der Basis entsprechender staatlicher medizinischer Schulen arbeitet. Die Aufgabe des Zentrums ist es, den Auszubildenden auch geistige Qualitäten und Fähigkeiten zu vermitteln, die es erlauben, ihnen die hohe Würde einer barmherzigen Schwester zu verleihen. Aus diesem Grund werden in dieser Schule außer medizinischen Grundfächern auch spezielle Kurse über die geistlichen Grundlagen der Barmherzigkeit sowie theologische Themen angeboten. Die Studentinnen erhalten auch Unterricht im Kirchengesang.

Bei der Auswahl der Kandidatinnen bemühen sich die Schwestern, in erster Linie solchen orthodoxen Frauen zur Ausbildung zu verhelfen, die über keine eigenen Mittel verfügen. Die Studentinnen werden vom Stift voll versorgt, sie erhalten also Unterkunft, Verpflegung und einen Fahrausweis für öffentliche Verkehrsmittel. Zur Zeit werden im Zentrum 45 junge Frauen aus verschiedenen Bistümern der Russischen Orthodoxen Kirche ausgebildet.

Diese Ausbildungstätigkeit der Schwesternschaft wird jetzt auf ganz Russland ausgeweitet. Das Stift arbeitet bei der Vorbereitung und Ausbildung von Schwestern mit den Schwesternschaften in Sankt Petersburg, Wladikaw-kas, Joschkar-Ola, Pjatigorsk, Tscheboksary, Rostow am Don, Nabereshnyje Tschelny, Schachty und Iwanowo zusammen. Auf entsprechende Bitten hin bildet das Stift auch Schwestern aus Riga/Lettland aus. Zusätzlich zur Zusammenarbeit mit anderen Schwesternschaften eröffnete das Martha-Maria-Stift eine Zweigstelle in Orel; die Eröffnung von Zweigstellen in Twer und Ekaterinenburg ist geplant.

Die Martha-Maria-Schwesternschaft verfügt in Moskau über einen eigenen Pflegedienst, in dem heute 100 Schwestern tätig sind. Sie arbeiten in Krankenhäusern und Altenheimen, sie machen Hausbesuche und begleiten Sterbende. In ihren Gebeten halten sie die Erinnerung wach an die Gründerin des Konvents, die heilige ehrwürdige Fürstin Elisaweta Fjodorowna. Die Vorsteherin der Schwesternschaft, Marija Iwanowna Krjutschkowa, sagt: »Elisaweta Fjodorowna, eine geborene Prinzessin von Hessen und Enkelin der englischen Königin Victoria, die Russland von ganzem Herzen geliebt hat und den Märtyrertod durch die Hand der Revolutionäre gefunden hat, wartet auf unsere Buße«.

Aus dem Buch: Hinhören und hinsehen. Beziehungen zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland. Leipzig–Moskau, 2003.


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