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Die Transition ist vorbei, weil sie nie angefangen hat. A bottom up view

Christian Giordano, Université de Fribourg, Département d'histoire contemporaine, sciences de religions et anthropologie sociale

Der leider unvollendete und erst posthum erschienene Roman Bouvard et Pécuchet von Gustave Flaubert wurde zu Recht als un formidable dossier de la bêtise humaine definiert (Flaubert, 1923: 398). Es handelt sich, wie man leicht erraten kann, um eine messerscharfe Satire im typischen Stil des Autors von Madame Bovary , in der auch die Fortschrittsidee stark unter Beschuss kommt. In den übriggebliebenen Notizen des Autors, die der Weiterentwicklung des Romans dienen sollten, findet man in einem Catalogue des idées chic auch einen ironischen Spruch über Fortschritt. Er lautet: Progrès, toujours mal entendu et trop hâtif (Flaubert, 1923: 415-452). Damit wollte Flaubert eigentlich ausdrücken (so lässt sich dieser Aphorismus des berühmten französischen Schriftstellers zumindest aus sozialwissenschaftlicher Perspektive interpretieren), dass die Menschen – hier ist es wohl gemerkt ausschliesslich von den okzidentalen Menschen mit einer gewissen Bildung die Rede – die generelle Tendenz haben, Wandlungsprozesse falsch zu deuten und sie daher zu beschleunigen, ja zu überstürzen. Hätte Flaubert in der heutigen Zeit gelebt, dann wäre stark zu vermuten, dass ähnlich ironische Sprüche zur Modernisierung, Globalisierung und nicht zuletzt auch zu Transition aus seiner Feder gekommen wären. Meine Vermutung, die leider eine Hypothese bleiben muss, will ich aber folgendermassen etwas untermauern.

Die sozialwissenschaftlichen idées chic wie etwa Modernisierung , Globalisierung und Transition lassen sich als ebenso optimistische Nachkommen der Fortschritts- und Perfektibilitätsvorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts betrachten. Man könnte hinzufügen: Modernisierung , Globalisierung und Transition lassen sich als die heutigen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Repräsentationen sowie die politisch korrekten Inszenierungen von Fortschritt betrachten. In Übereinstimmung mit Flaubert: toujours mal entendues et trop hâtives . Vergessen wir dabei nicht, dass die idée chic der Transition paradoxerweise einen ihrer Ursprünge in der leninistischen Fortschrittslehre hat, denn es war gerade Wladimir Ilic, der den Terminus „Transition“ verwendete, um den unaufhaltsamen Prozess in Richtung Sozialismus und später Kommunismus zu benennen (Conte und Giordano, 1995: 11)

Ausserdem hätte sich Flaubert die pompösen Reden der Politiker und die einfachen Rezepte der hauptsächlich wirtschafts- bzw. rechtswissenschaftlich orientierten Experten gewiss nicht entgehen lassen, die vor allem im westlichen Lager nach dem Fall der Berliner Mauer fast einstimmig formuliert wurden. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an die berühmte Rede von Helmut Kohl, in der der frühere Bundeskanzler einen weichen, schmerzlosen und vor allem kurzen Übergang vom Totalitarismus und von der Planwirtschaft zur parlamentarischen Demokratie und zur Marktwirtschaft für die früheren DDR-Länder prophezeite. Man denke hier auch an die angeblich wundersame Formel der drei P – d.h. privatization, privatization, privatization , die der Ökonome und Nobelpreisträger Milton Friedman ernsthaft als Lösung aller Probleme des postsozialistischen Osteuropas vorschlug. Milton Friedman und seine politische Anhänger waren damals absolut sicher, dass die unverzügliche und radikale Einführung von Reformen neo-liberaler Provenienz (d.h. die sogenannte Schocktherapie) die sozio-ökonomischen Mängel des früheren Systems praktisch auf einen Schlag behoben hätte. Flaubert hätte sicher auch diese zwei Fälle in seinem Dossier de la bêtise humaine aufgenommen und mit dem Kommentar toujours mal entendu und trop hâtif versehen.

Wir wissen heute, nachdem vierzehn Jahre vergangen sind, dass der Systemwechsel eine wesentlich komplexere, zähflüssigere, unberechenbarere und daher auch für manche westeuropäische Experten und gutgläubige Bürger aus Osteuropa enttäuschendere Angelegenheit gewesen ist. Die Transition wurde wahrscheinlich gerade wegen der bescheidenen Resultate von mehreren Politikern und Experten als beendet erklärt. Ich möchte aber dagegen behaupten, dass die Transition vorbei ist, weil sie im Grunde, so wie sie theoretisch konzeptualisiert und praktisch geplant wurde, nie begonnen hatte. Der Umbruch und die Modernisierungsprozesse in Osteuropa sind schlicht und einfach nach anderen, eher unerwarteten Mustern verlaufen.

Aber was war so fragwürdig – abgesehen vom missverständlichen und zugleich überstürzten Optimismus – an der stolzen und fast fundamentalistisch konzipierten Vorstellung der Transition? Zunächst soll eine kurze Archäologie dieses Konzepts versucht werden, um diese Frage zu beantworten.

•  Der Begriff der Transition ist in der Regel Bestandteil soziologischer Evolutionsgedanken, die sich bewusst oder unbewusst auf Reflexionen einiger Klassiker der Evolutionstheorie wie etwa Auguste Comte und Herbert Spencer beziehen. Nur nebenbei bemerkt: Ich bin ziemlich sicher, dass Gustave Flaubert in Bouvard et Pécuchet direkt oder indirekt gerade die intellektuelle Atmosphäre um Comte parodiert. Transition wird demzufolge als eine unilineare und daher praktisch unabwendbare Phase zwischen zwei stabilen Gesellschaftsstadien betrachtet. Können wir aber wirklich so sicher sein, dass soziale Prozesse stets diesem Schema folgen? Funktionieren Gesellschaften tatsächlich auf so mechanische Weise, als ob sie Phänomene physikalischer Natur wären? Der französische Soziologe Georges Balandier hat in seinem klassischen Buch Sens et puissance darauf aufmerksam gemacht, dass sozialer Wandel richtungslos und folglich chaotisch verläuft, da er von permanenten, unberechenbaren Spannungen zwischen Beharrungsmomenten und Veränderungsimpulsen, d.h. zwischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten bestimmt wird (Balandier, 1971: 99 ff.). Schliesslich ist auch Modernität – laut Balandier – nichts anderes als eine tradition du nouveau (Balandier, 1985: 17). Wenn Balandier Recht hat – und ich zweifele nicht daran –, dann stellt Transition den Dauerzustand einer jeglichen Gesellschaft dar. In einem solchen Fall entpuppt sich aber der Begriff selbst als untauglich, um spezifische soziale Vorgänge, wie diejenigen in Osteuropa, adäquat zu charakterisieren.

•  Der Begriff der Transition beruht meistens auf dem Fortschrittsgedanken und demzufolge auf dem Fortschrittsglauben. Die vermeintlich unumgänglichen und erstrebenswert erscheinenden Übergangsprozesse führen nach einer solchen Inszenierung von einem niedrigeren zu einem höheren Gesellschaftszustand. So gelten beispielsweise totalitäre Autokratie, soziale Stagnation, kultureller Obskurantismus oder ökonomische Rückständigkeit als Attribute sowohl traditioneller als auch sozialistischer Gesellschaftsordnungen, während westliche Modernität mit Demokratie, Vertrauen, Gerechtigkeit, Mobilität sowie psychischer Empathie, sozialem Wohlstand, kultureller Fortschrittlichkeit und ökonomischem Wachstum verbunden wird. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist nicht so sehr, ob und inwieweit der Transitionsbegriff eine unrealistische Perspektive aufweist, sondern vielmehr, ob und inwieweit dieses Konzept nicht per se ethnozentrische Vorurteile enthält, die letztendlich das Bild der Überlegenheit der westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaftsordnung gegenüber allen anderen sozialen Organisationsformen unterstreicht und perpetuiert. Es besteht somit die Gefahr, dass dadurch irreführende Stereotypen produziert werden, die dann auch die Planung praktischer Projekte in schwerwiegender Weise negativ beeinflussen.

•  Durch diese ethnozentrischen Vorurteile, die dem Transitionsbegriff immanent zu sein scheinen, wird schliesslich die sozio-kulturelle Angleichung und die ökonomische Gleichschaltung in Richtung einer homogenen Weltgesellschaft nach westeuropäischem und nordamerikanischem Muster postuliert und legitimiert. Durch eine solche Sichtweise scheint es daher als naheliegend und selbstverständlich, dass die sogenannte zweite und dritte Welt mit Sehnsucht erwarten, in der sogenannten ersten Welt assimiliert zu werden. Nach dieser Vorstellung bleibt dem Süden und dem Osten nichts anders übrig, als das Model des Nordens, sprich des Westens, ganz brav zu übernehmen. Bereits eine kursorische Betrachtung der aktuellen Weltsituation zeigt, dass es nicht so ist, denn es gibt zahlreiche Gesellschaften, die sich vom westlichen Modell bewusst abwenden oder es nicht akzeptieren. Man braucht in diesem Zusammenhang nicht immer wieder das Beispiel des nicht zimperlichen und für uns erschreckenden islamischen Fundamentalismus erwähnen, sondern man kann die sanftere und für Europäer kaum traumatisierende Debatte um die asian values in Südostasien zitieren.

•  Man kann sich also des Eindrucks nicht erwehren, dass man mit der Verwendung von Transitionskonzepten bezüglich des Postsozialismus mit einem zwar leicht veränderten, aber bereits abgenutzten déjà vu zu tun hatte. Die Idee der postkommunistischen Transition hat im Endeffekt ihren Ursprung im Modernisierungsparadigma der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts an (Smelser, 1973; Myrdal, 1957), das vor allem durch den amerikanischen Soziologen Daniel Lerner zu damaliger Zeit propagiert und berühmt wurde (Lerner, 1958). Dieser Autor ging davon aus, dass sich die Menschen, die nicht völlig in der Tradition verhaftet sind, durch Empathie auszeichnen. Menschen sind demzufolge grundsätzlich psychisch mobil und besitzen die Fähigkeit sich schrankenlos mit neuen Rollen, Situationen und Konstellationen zu identifizieren. Laut Lerner verläuft Modernisierung im Transitionsprozess daher weitgehend problem- und schmerzlos in vier Phasen. In den sich modernisierenden Ländern der sogenannten Dritten Welt beginnt die Transition mit der Urbanisierung breiter ruraler und traditionsorientierter Bevölkerungsschichten. Urbanisierung stellt den primären Katalysator dar, aus dem heraus die nächsten Transitionsstadien erwachsen, denn sie fördert die Alphabetisierung der in die Städte zugewanderten Personen. Darauf erfolgt praktisch zwangsläufig ein erhöhter Medienkontakt, der seinerseits die erweiterte soziale und politische Partizipation der Betroffenen im ziviligesellschaftlichen Leben induziert. Der transitional man in der Dritten Welt – so Palmer und Stern – ist also ein Mensch, der nicht mehr in die alte aber auch nicht in die moderne Welt hineinpasst, obwohl seine Erwartungen sich zunehmend denen der Modernität angleichen. Dies ist der Persönlichkeitstypus der die gesellschaftliche Weiterentwicklung trägt und vorantreibt. (Palmer und Stern, 1971: 4). So einfach hatten sich die sozialwissenschaftlichen Theoretiker den Transitionsprozess von der Tradition zur Modernität vorgestellt. Wir wissen inzwischen, dass die Entwicklung in den Gesellschaften der Dritten Welt völlig anders verlaufen ist. Dies gilt auch für jene Länder, die, wie beispielsweise Thailand, Malaysia, Singapur, Indien usw., eine nach mancher Expertenmeinung rasante und erfolgreiche Modernisierung durchlaufen. Besonders pathetisch wirkt heute das Transitionsmodell Lerners, wenn man bedenkt, dass sich der Autor in seinem Buch The Passing of Traditional Society auf manche Länder des Mittleren Osten bezog, die gerade zur Zeit von antimodernistischen und zugleich fundamentalistischen Bewegungen, die die eigene Tradition verherrlichen, umformulieren und politisch instrumentalisieren, erschüttert werden.

•  Was schon in den Gesellschaften des Südens der Welt kläglich gescheitert war, wurde für Osteuropa sowohl im deskriptiv-analytischen als auch im präskriptiv-normativen Rahmen rehabilitiert und dank mancher Modifikationen kosmetischer Art als nagelneue Lösung angeboten. Wahrscheinlich wurde die Wiederaufnahme der Transitionsmodelle durch die irreführende Überzeugung erheblich begünstigt, dass sich die Länder im Osten des alten Kontinents lediglich eine winzige Appendix des Westens darstellen und dass sie deshalb für solche Entwicklungsparadigmen empfänglicher als die sozial und kulturell fremden und fernen Gesellschaften der nicht europäischen Räume sind. Somit wurde aber der alte Ladenhüter zum einmaligen Sonderangebot. Diese Tatsache ist für den Sozialwissenschaftler, der früher in den Entwicklungsländern gearbeitet hat und jetzt in den sogenannten Transitionsländern forscht, besonders deutlich geworden.

•  Im übrigen wird angenommen, dass alle Gesellschaften von identischen Transitionsprozessen betroffen werden. Dabei kann es zu Zeitverschiebungen kommen: Je rückständiger eine Gesellschaft ist, desto später wird sie von den obligaten Veränderungen berührt. Der Transitionsbegriff lässt also ein time lag , aber keine historisch bedingten Variationen und Abweichungen zu. Obwohl heutzutage die Prinzipien der Einzigartigkeit, der Unwiederholbarkeit und konsequenterweise der Unvergleichbarkeit der Ereignisse, aus sozialwissenschaftlicher Sicht hergesehen, nicht mehr geteilt werden können, bin ich der Meinung, dass die Vergangenheit (auch die sozialistische wohlgemerkt) als kollektiver Erfahrungsraum einen eminenten und allzu oft missachteten Einfluss auf die Struktur und Konjunktur von Wandlungsprozessen besitzt. Hier liegt auch mein schwerwiegendster Einwand gegenüber dem Transitionskonzept, denn sozialer Wandel, was auch immer man darunter verstehen mag, lässt sich nicht auf ein monotones, allgemeingültiges, sich automatisch wiederholendes Schema reduzieren.

•  Ich komme hiermit zum abschliessenden Argument, das auch den Untertitel A bottom up view rechtfertigt. Der Haupteinwand gegenüber den Transitionsmodellen könnte also wie folgt lauten: diese Modelle haben die reelle Bedeutung dessen missachtet und unterbewertet, was prominente Sozialwissenschaftler (einschliesslich Zeithistoriker) wie etwa Pierre Bourdieu, Norbert Elias, Clifford Geertz und Reinhardt Koselleck den gesellschaftlichen Habitus (Bourdieu, 1980), das soziale und lokale Wissen (Elias, 1988; Geertz, 1983) bzw. den historischen Erfahrungsraum (Koselleck, 1979: 349 ff.) der Menschen genannt haben. Die Transitionsmodelle haben somit systematisch beiseite gelassen, dass sich Menschen nicht als Roboter betrachten lassen, die vorgeschlagene bzw. aufgestülpte Schemata blind befolgen. Sie sind Akteure und manchmal sogar Autoren der eigenen Drehbücher und Szenarien und sie verbinden mit ihren Handlungen stets einen Sinn, der von Gesellschaft zu Gesellschaft sehr unterschiedlich sein kann. Der soziale Sinn der gesellschaftlich konstruierten Denkvorstellungen und der entsprechenden von Fall zu Fall gewählten Verhaltensstrategien der Betroffenen ist aber gerade das zentrale Objekt der sozialanthropologischen Untersuchungen im Feld wie die, die wir im Rahmen unserer Forschungsprojekte durchgeführt haben. Eine sogenannte bottom up view erlaubt gerade zu zeigen, dass die Menschen eine eigene soziale Rationalität besitzen, die im Normalfall nicht mit derjenigen der Forscher oder der Experten übereinstimmt. Trotz dieses wichtigen Unterschiedes erweist sich aber diese fremde und manchmal schwer entzifferbare Rationalität im Rahmen der betrachteten Gesellschaftsordnung als völlig sinnadäquat. Die theoretischen sowie praxisbezogenen Ansätze der Transitologie und ihrer verwandten Richtungen in Osteuropa haben allerdings kaum Sensibilität für den sozialen bzw. lokalen Sinn und daher für die Sinnadäquatheit der angebotenen Massnahmen aufgebracht. Die eigentliche Crux der ganzen Transitologie ist gerade dieser fehlende Sinn für Sinnadäquatheit. Ausgehend von der irreführenden und niemals hinterfragten Annahme universalistischer Natur, dass die Menschen alle dasselbe soziale Kapital besitzen, haben die Transitionsmodelle generelle Reformkonzepte vorgeschlagen, die bei der lokalen Bevölkerungen auf wenig Verständnis gestossen sind. Die zu Reformierenden konnten damit herzlich wenig anfangen. Wie kann man eigentlich erwarten, dass osteuropäische Bürger vorbehaltlos Vertrauensstrukuren in der öffentlichen Sphäre entwickeln, wenn sie seit mehreren Jahrhunderten im besten Fall nur als Untertanen behandelt worden sind, d.h. wenn die Geschichte ihrer Länder sich als eine unendliche Abfolge von imperialen Fremdherrschaften, paternalistischen Honoratiorenregierungen, ethnokratischen Demokratien, Königsdiktaturen, autoritären Zivil- und Militärregimes, oder von schwarzen und roten Totalitarismen beschreiben lässt? Nehmen wir als typisches Beispiel Bulgarien. Nach mehr als 400 Jahren osmanischer Fremdherrschaft, die völlig archaische Sozial- und Wirtschaftsstrukturen hinterlassen hatte, wurde ein parlamentarisches System eingeführt, das aber während mehr als 70 Jahre von Notabelnklientelen und von der Königsdiktatur instrumentalisiert worden ist. Danach kam der sozialistische Totalitarismus und nach 1989 folgte die Herrschaft von politischen Pat ronen, deren Macht auf der Unterstützung von stark personalisierten Interessenskoalitionen und Klientelen beruht (Giordano und Kostova, 2000: 9-40). Ausserdem stellt sich die ketzerische Frage, warum die Gesellschaften Osteuropas im Rahmen der Transitionsangebote die Idee des öffentlichen Vertrauens als Grundlage der Zivilgesellschaft spontan und begeistert akzeptieren sollten, wenn es auch im so genannten demokratischen Westeuropa eine ganze Reihe von low trust societies wie Italien und Spanien gibt? Und trotz low trust oder vielleicht gerade wegen low trust ist dieses Land die siebte Wirtschaftsmacht der Welt geworden.

•  Die vielen Reformentwürfe und -projekte blieben also, wie ich wiederum in Bulgarien und in Rumänien in Bezug auf die Reprivatisierung der Landwirtschaft zur Genüge beobachten konnte, fern und vor allem fremd. Die Menschen begannen sich daher selbst jenseits der von der Transition gesteckten Rahmen eigenständig zu organisieren. Und manchmal waren sie sogar erfolgreich; so etwa manche postsozialistische Agrarunternehmer in Nordostbulgarien, dessen Karriere ich während neun Jahre detailliert verfolgen konnte (Giordano und Kostova, 2002: 128-137). Aus treuen kommunistischen Kadern der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften entstand unerwartet und im Kontrast zu den Agrarreformzielen, die den Transitionsmodellen entsprachen, eine kleine aktive Schicht von angesehenen Kapitalisten. Selbstverständlich handelt es sich um einen selbst gebastelten Kapitalismus d.h. um einen capitalisme bricolé , der soziologisch betrachtet mit den Kapitalismen Westeuropas oder Südostasiens wenig zu tun hat. Aber dieser capitalisme bricolé funktioniert und gedeiht in der Region, wo wir unsere Untersuchungen geführt haben. Es gibt unzählige analoge Beispiele, die beweisen, dass die Menschen in Osteuropas ganz originelle, selbst gebastelte Strategien entwickelt haben.

•  Wenn ich sage, dass die Transition vorbei ist, weil sie nie angefangen hat, will ich selbstverständlich nicht sagen, wie man vielleicht vermuten könnte, dass Osteuropa wandlungsunfähig und nur vergangenheitsorientiert sei. Ich will eigentlich dagegen behaupten, dass die Transitionskonzepte meistens nicht gegriffen haben, weil sie das lokale soziale Kapital der zu Reformierenden nicht erkannt haben. Osteuropa hat dagegen in diesen letzten vierzehn Jahren mit diesem eigenen sozialen Kapital lokaler Prägung einen gewaltigen Modernisierungsprozess durchgemacht, der sich allerdings von den Schablonen der Transition entzogen hat. Die Gesellschaften Osteuropa sind somit ein weiteres lebendiges Beispiel, dass Modernisierung nicht eingleisig verläuft und dass sie lediglich als einen multiplen Vorgang zu deuten ist. Eine bottom up view zeigt also eigentlich, dass die soziologische Repräsentation der mehrspurigen multiple modernities wesentlich realistischer als diejenige der unilinearen Transition, die leider jahrelang mit einem „Beinahe-Dogma“ gleichgesetzt wurde. Auf diese Pluralität von Modernisierungsalternativen sollte auch die Kooperation mit Osteuropa mehr als bisher setzen.

Seien wir also froh, dass die Transition im Osten des alten Kontinents vorbei ist, weil sie nie angefangen hat. In diesem Paradox liegt vermutlich die überraschende Chance für die Zukunft.

Bibliographie

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