Patriarch Alexy II of Moscow and All Russia: The Russian Church, which has several dioceses, hundreds of parishes and millions of believers on the territory of the European Union, is taking an active part in the creation of the new face of our continent. It is the task of our Church to remind Europe of its Christian roots, to resist the attack of aggressive secularism, and to defend traditional values. An active role in the realization of this noble task is fulfilled by the Representation of the Moscow Patriarchate to the European Institutions. July 25, 2008
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Kardinal Dr. Christof Schönborn: Würdigung der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche aus katholischer Sicht

Das hier eindrucksvoll präsentierte Dokument Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche ist von hoher Bedeutung und legt Vergleiche mit der Soziallehre der Römisch-Katholischen Kirche nahe. Im Detail bleibt diese Aufgabe weiteren Studien vorbehalten. Hier kann es nur um eine erste Würdigung aus der Perspektive Katholischer Soziallehre gehen, ohne dass damit der inhaltlichen Auseinandersetzung in den Einzelreferaten dieser Enquete vorgegriffen werden soll.

Eine Lektüre der Sozialdoktrin lässt zudem erkennen, dass dieser Text auch für die gesellschaftlichen Herausforderungen der Kirchen in Österreich wertvolle Denkanstöße bietet.

1. Die Sozialdoktrin ist ein mutiger Anfang

Angesichts des epochalen Wandels der russischen Gesellschaft mit dem Jahr 1989 ist die Bedeutung dieses Dokuments für das „Sozialprofil“ der Russisch Orthodoxen Kirche kaum zu überschätzen. Erstmals formuliert die Kirchenleitung ihr „ Sozialkonzept “ – so wäre vielleicht eine genauere Übersetzung des Titels des Dokumentes, das Orientierung bieten und Richtlinien formulieren, nicht aber eine „Doktrin“ darlegen will. Im englischen Text wird das deutlicher, dort heißt es: Bases of the Social Concept of the Russian Orthodox Church . Mit Rücksicht auf die Übersetzung der Konrad-Adenauer-Stiftung behalte ich dennoch den Begriff Sozialdoktrin bei. – Die Russisch-Orthodoxe Kirche positioniert sich damit klar im Kontext der Gesellschaft. Sie tut es nicht in defensiver Abgrenzung, sondern mit dem klaren Willen, aktiv Verantwortung zu übernehmen.

Mit Blick auf die Geschichte der katholischen Kirche in Österreich lässt dies an das „Mariazeller Manifest“ (1952) denken. Damals positionierte sich die katholische Kirche unseres Landes nach dem Zweiten Weltkrieg neu. Mit der Formel „Eine freie Kirche in einer freien Gesellschaft“ erklärte sie ihre Bereitschaft, Mitverantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft zu übernehmen. Dieser Anfang damals musste noch weiter entfaltet werden. So folgte 1956 ein „Sozialhirtenbrief“, der in wichtigen Fragen der Gesellschaft jener Jahre eine Orientierung zu geben suchte. Entscheidend aber blieb die Positionierung im „Mariazeller Manifest“ für das Wirken der Kirche und ihr Selbstverständnis in der Gesellschaft. Um eine ähnliche Weichenstellung geht es auch in der „ Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche “. Und es gibt auch eine Entsprechung ihres Verständnisses der Positionierung gegenüber der Welt im Sinne des „Zusammenwirkens“ ohne „gegenseitige Einmischung“.

Für die Katholische Soziallehre wurde eine solche Konzeption im Zweiten Vatikanischen Konzil mit der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „ Gaudium et spes “ (1965) formuliert:

„Die Kirche, die in keiner Weise hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden darf noch auch an irgend ein politisches System gebunden ist, ist zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person.

Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen. Diesen Dienst können beide zum Wohl aller um so wirksamer leisten, je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen; dabei sind jeweils die Umstände von Ort und Zeit zu berücksichtigen.“ ( Gaudium et spes 76).

Die Konsequenz daraus: Dialog ‑ nicht Einmischung ist der Weg. Das Ziel: das Einbringen von „Impulsen des Lebens und der Hoffnung“ und inhaltlicher christlicher Werte zum Aufbau einer menschengerechten Gesellschaft.

Nochmals sei in diesem Zusammenhang der Blick auf Österreich gerichtet. Auch den Kirchen unseres Landes stellt sich erneut die Frage ihres Ortes in der Gesellschaft. Mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung durch den „Österreich-Konvent“ und auf Ebene der Europäischen Union mit dem Konvent zur Erstellung einer Europäischen Verfassung, sind auch die Kirchen in unserem Land neu herausgefordert.

In diesem Zusammenhang ist uns die Sozialdoktrin eine Ermutigung, die genannten Herausforderungen aufzunehmen.

2. Die Sozialdoktrin ist ein grundlegend theologischer Text

Nicht nur dass das Dokument mit den „Theologischen Grundpositionen“ beginnt, jedes einzelne Thema wird von einer theologischen Sicht des Problemfeldes her entfaltet. In genuiner Weise steht jeweils das biblische Zeugnis am Beginn, gefolgt von Bezügen zur Tradition der Väter, Aszeten und bedeutenden Gestalten der Kirche. Dabei werden jeweils die ekklesiologischen Bezüge herausgearbeitet und auch die Spiritualität des Einzelnen deutlich kirchlich verankert.

Damit macht die Sozialdoktrin auf ein eindeutiges Defizit der Dokumente der Katholischen Soziallehre aufmerksam. Zu oft wird an den jeweils aktuellen Sachzusammenhängen argumentiert, ohne den breiten Hintergrund von Schrift und Tradition als Grundlage für die inhaltlichen Aussagen der Kirche aufzuzeigen. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass es gerade Papst Johannes Paul II. ein zentrales Anliegen ist, in seinen Sozialrundschreiben die Themen von Schlüsseltexten der Bibel her zu entwickeln. Der Bezug zur Tradition wird in den Fußnoten meist nur angedeutet. Weil die Katholische Soziallehre so sehr mit den päpstlichen Rundschreiben seit Rerum novarum (1891) identifiziert wird, die hauptsächlich sozialphilosophisch argumentieren, bleibt die durchgängige Tradition kirchlicher Sozialverkündigung in ihren verschiedenen Formen – in der Heiligen Schrift angefangen und von ihr her – im Hintergrund. In diesem Sinn kann uns die Sozialdoktrin ein Anstoß sein, die soziale Botschaft der Kirche in ihrem vielfältigen Zeugnis durch die Jahrhunderte neu und bewusster wahrzunehmen.

Für eine Gegenüberstellung theologischer Argumentation in der Sozialdoktrin und in Dokumenten der Katholischen Soziallehre ließen sich verschiedene Fragestellungen heranziehen. Als Beispiel sei hier die Thematisierung der „Sünde in sozialen Zusammenhängen“ angesprochen.

In der Sozialdoktrin wird sehr klar und unüberhörbar die Wirklichkeit nach dem Sündenfall in den Blick genommen und zur Deutung verschiedenster Fehlentwicklungen der Gesellschaft herangezogen. Im Anschluss daran werden sehr nüchtern und realistisch mögliche Handlungsweisen benannt, um sündhaftes Verhalten zu überwinden und zur Umkehr aufzurufen.

Wohl spricht auch die Katholische Soziallehre in der Pastoral­konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils klar von der Wirklichkeit der Sünde:

„Obwohl in Gerechtigkeit von Gott begründet, hat der Mensch unter dem Einfluss des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an durch Auflehnung gegen Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu erreichen, seine Freiheit missbraucht... Was uns aus der Offenbarung Gottes bekannt ist, steht mit der Erfahrung in Einklang: Der Mensch erfährt sich, wenn er in sein Herz schaut, auch zum Bösen geneigt und verstrickt in vielfältige Übel, die nicht von seinem guten Schöpfer herkommen können. Oft weigert er sich, Gott als seinen Ursprung anzuerkennen; er durchbricht auch die geschuldete Ausrichtung auf sein letztes Ziel, zugleich aber auch seine ganze Ordnung hinsichtlich seiner selbst wie hinsichtlich der anderen Menschen und der ganzen Schöpfung... Im Licht dieser Offenbarung finden zugleich die erhabene Berufung wie das tiefe Elend, das die Menschheit erfährt, ihre letzte Erklärung“ ( Gaudium et spes 13).

Abgesehen von dieser grundlegenden und allgemeinen Aussage wird in den Dokumenten der Katholischen Soziallehre meist sündiges Verhalten weniger konkret und pointiert angesprochen als in der Sozialdoktrin . Wohl aber verweisen einzelne Dokumente darauf, dass persönliche Sünde „strukturbildend“ werden kann. So erläutert Papst Johannes Paul II. in seinem Rundschreiben Sollicitudo rei socialis (1987):

„Wenn die heutige Situation Schwierigkeiten unterschiedlicher Natur zuzuschreiben ist, so ist es nicht verfehlt, von ‚Strukturen der Sünde' zu sprechen, die ... in persönlicher Sünde ihre Wurzeln haben und daher immer mit konkreten Taten von Personen zusammenhängen, die solche Strukturen herbeiführen, sie verfestigen und es erschweren, sie abzubauen. Und so verstärken und verbreiten sie sich und werden zur Quelle weiterer Sünden, indem sie das sittliche Verhalten der Menschen negativ beeinflussen.“ ( Sollicitudo rei socialis 36)

Im Anschluss daran benennt Papst Johannes Paul II. in diesem Rundschreiben auch konkretes sündhaftes Verhalten in sozialen Zusammenhängen. In der weiteren Rezeption dieser Texte tritt diese theologische Sicht aber wieder in den Hintergrund.

Die Sozialdoktrin kann ein Anstoß sein, uns in der katholischen Sozialverkündigung einer theologischen Sichtweise und Argumentation bezüglich sozialer Phänomene erneut und stärker bewusst zu werden.

3. Die Sozialdoktrin ist politisch ein nüchterner Text

Wie bereits erwähnt, formuliert die Sozialdoktrin eine Positionierung der Kirche in der Gesellschaft. Dabei kommt in der konkreten Zusammenarbeit zwischen Kirche und Gesellschaft dem Verhältnis zu den politischen Parteien besondere Bedeutung zu. Während die Sozialdoktrin ein Wirken der Kirche unter unterschiedlichsten politisch-rechtlichen Verhältnissen, wie sie in verschiedenen Ländern zwischen Staat und Kirche bestehen, für möglich hält, kennt sie im Blick auf das Verhältnis zu den politischen Parteien nur eine, sehr klare Position:

„Untersagt ist die Teilnahme der Kirchenleitung und der Geistlichen ... an der Tätigkeit politischer Organisationen, an Wahlaktionen wie etwa öffentliche Unterstützung an Wahlen beteiligter politischer Gruppierungen oder einzelner Kandidaten, an Wahlkampfwerbung usw. Die Nominierung von Geistlichen zu den Wahlen jeglicher Repräsentativorgane der Macht auf allen Ebenen ist unzulässig. Gleichzeitig soll den Hierarchen, Geistlichen und Laien – gleich den anderen Bürgern – die Teilnahme an den Willensäußerungen des Volkes auf dem Weg der Stimmabgabe freistehen.“ ( Sozialdoktrin V.2).

„Nichts steht auch einer Teilnahme der orthodoxen Laien an der Tätigkeit der staatlichen Organe und politischen Organisationen entgegen“ ( Sozialdoktrin V.3).

Kurz: Enthaltung der Kirchenleitung, doch Engagement der Laien „eigenverantwortlich“ ( Sozialdoktrin V.4).

Diese klare Positionierung entspricht auch der Auffassung der Katholischen Kirche zu diesen Fragen, sowohl im geltenden Kirchenrecht als auch in den Dokumenten der Katholischen Soziallehre. So formuliert die Pastoralkonstitution „Kirche in der Welt von heute“:

„Wer sich dem Dienst am Wort Gottes weiht, muss sich der dem Evangelium eigenen Wege und Hilfsmittel bedienen, die weitgehend verschieden sind von den Hilfsmitteln der irdischen Gesellschaft... (Die Kirche) wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt ist, oder wenn veränderte Lebensverhältnisse eine andere Regelung fordern.“ ( Gaudium et spes 76).

Aus der Perspektive der österreichischen Geschichte wird deutlich, wie verhängnisvoll eine Verflechtung von Kirche und politischen Parteien ist. Nur eine parteipolitisch unabhängige, nicht vereinnahmte Kirche kann ihre Verantwortung in der Gesellschaft frei und zum Wohl aller wahrnehmen. Nur so ist sie auch glaubwürdig in ihrem Bemühen, Brücken zwischen unterschiedlichen Gruppierungen zu bauen und einen konstruktiven Dialog zu führen.

4. Die Sozialdoktrin ist ein themenreicher Text

Von der Grundkonzeption zu Nation und Staat, über Arbeit, Einkommen, Familie, Volksgesundheit, Friede, Bioethik, Ökologie bis hin zu Problemen der Globalisierung entwickelt die Sozialdoktrin die Grundauffassungen der Russisch-Orthodoxen Kirche zu sozial relevanten Fragen. Dabei werden auch Themenfelder aufgenommen, die in der katholischen Theologie gewöhnlich als moral- und pastoraltheologische Fragen behandelt werden.

Die Auswahl der Themen ist zweifellos vom Anliegen einer ersten Positionierung der Russisch-Orthodoxen Kirche in der konkreten gesellschaftlichen Situation bestimmt. Die vorrangigen Fragen sind damit Nation und Staat, während Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Hintergrund bleiben.

In jedem Fall aber zeigt sich, wie vielschichtig und umfassend die gesellschaftlichen Entwicklungen gesehen werden, zu denen die Kirche auf ihre Weise einen Beitrag leisten will.

Vor allem im Kapitel zu Problemen der Globalisierung wird deutlich, dass es mit den ökonomischen, politisch-rechtlichen, aber auch kulturpolitischen Dimensionen dieser Vorgänge um die Grundfrage geht, in welche Richtung und auf welche Weise sich die Gesellschaft, ja unsere Welt weiterentwickelt.

Die Frage nach wahrer, menschengerechter Entwicklung wird auch in der Katholischen Soziallehre aufgeworfen, so mit großer Eindringlichkeit von Papst Johannes Paul II. in seinem Rundschreiben Sollicitudo rei socialis (1987). Entwicklung wird dabei keineswegs allein als eine Frage der so genannten Entwicklungsländer gesehen. Im Rundschreiben Centesimus annus (1991) konzentriert Johannes Paul II. die Frage auf den Menschen selbst, der auf der Suche nach Wahrheit nur in der Transzendenz seine Erfüllung finden kann:

„Der einzelne wird heute oft zwischen den beiden Polen Staat und Markt erdrückt. Es hat manchmal den Anschein als existierte er nur als Produzent und Konsument von Waren oder als Objekt der staatlichen Verwaltung. Es wird vergessen, dass das Zusammen­leben der Menschen weder den Markt noch den Staat zum Endziel hat. Es besitzt in sich selber einen einzigartigen Wert, dem Staat und Markt dienen sollen. Der Mensch ist vor allem ein Wesen, das die Wahrheit sucht und sich bemüht, sie zu leben und sie in einem dauernden Dialog zu ergründen, der die vergangenen und die künftigen Generationen einbezieht.“ ( Centesimus annus 49)

Im Blick auf konkrete Fragen der Gestaltung wirtschaftlicher Zusammenhänge verweist Johannes Paul II. darauf, dass sich die Katholische Kirche für kein spezifisches System ausspricht, vielmehr dafür eintritt, konkrete Lösungsmodelle im gesellschaftlichen Dialog zu entwi­ckeln. Die anstehenden Fragen einer menschengerechten Wirtschaft sind unser aller gemeinsame Aufgabe und erfordern das Zusammenwirken aller:

„Die Kirche hat keine eigenen Modelle vorzulegen. Die konkreten und erfolgreichen Modelle können nur im Rahmen der jeweils verschiedenen historischen Situationen durch das Bemühen aller Verantwortlichen gefunden werden, die sich den konkreten Problemen in all ihren eng miteinander verflochtenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aspekten stellen.“ ( Centesimus annus 43)

Wirtschaft und Politik müssen demnach in den Kontext der Kultur eingebunden sein, in dem allein der Mensch adäquat zu verstehen ist. Denn:

„Der Mensch wird am umfassendsten dann erfasst, wenn er im Kontext seiner Kultur gesehen wird, das heißt, wie er sich durch die Sprache, die eigene Geschichte und durch die Grundhaltungen in den entscheidenden Ereignissen des Lebens, in der Geburt, in der Liebe, im Tod darstellt. Im Mittelpunkt jeder Kultur steht die Haltung, die der Mensch dem größten Geheimnis gegenüber einnimmt: dem Geheimnis Gottes.“ ( Centesimus annus 24)

Entsprechend thematisiert die Sozialdoktrin soziale Fragen als Anfragen an die Sittlichkeit der einzelnen Menschen und nach den in der Gesellschaft herrschenden Werten. So hat Arbeit an sich keinen unbedingten Wert, sondern empfängt ihre Würde durch den Menschen in seiner Mitarbeit an der Schöpfung Gottes ( Sozialdoktrin VI.4). Ähnlich stellt physische Gesundheit allein ohne Beziehung zur geistigen keinen unbedingten Wert dar, wie es auch in den Heilungen durch Jesus immer um den „Menschen als ganzen“ ging ( Sozialdoktrin XI.1).

Die Sozialdoktrin macht uns dabei aufmerksam, wie gerade die pastoralen Dienste der Kirche den Menschen Hilfestellung auf dem Weg durch die konkreten Auseinandersetzungen und in den entsprechenden Nöten bieten und daher mit dem sozialen Auftrag zusammen zu sehen sind.

5. Die Sozialdoktrin entstammt und verweist auf einen Prozeß

Wie in Einleitung und Schlussteil der Sozialdoktrin angedeutet, erwuchs dieses Dokument aus einem Prozess, in dem die Russisch-Orthodoxe Kirche ihren Einrichtungen und Mitgliedern Leitlinien für die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche geben will. Sie sieht dabei von vorne herein einen Prozess der Weiterentwicklung entsprechend den sich ändernden Verhältnissen vor.

Diese Perspektive entspricht einem Grundanliegen der Katholischen Soziallehre. Im Rundschreiben Octogesima adveniens (1971) weist Papst Paul VI. darauf hin, dass die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums immer neu zu deuten sind. Die Grundaussagen der Soziallehre bedürfen zudem einer ständigen Konkretisierung vor Ort:

„Diesen einzelnen christlichen Gemeinschaften also obliegt es, mit dem Beistand des Heiligen Geistes, in Verbundenheit mit den zuständigen Bischöfen und im Gespräch mit den anderen christlichen Brüdern und allen Menschen guten Willens darüber zu befinden, welche Schritte zu tun und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Reformen herbeizuführen, die sich als wirklich geboten erweisen und zudem oft unaufschiebbar sind.“ ( Octogesima adveniens 4)

In Österreich verstand sich in diesem Sinne der Sozialhirtenbrief der katholischen Bischöfe (1990), der in einem breiten Diskussionsprozess vorbereitet wurde. Gegenwärtig erarbeiten die 14 christlichen Kirchen in Österreich ein gemeinsames Sozialwort. Die Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche ist uns dafür eine wertvolle Anregung.


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