Die Jubiläums-Bischofssynode der Russischen Orthodoxen Kirche, die im Jahre 2000 stattgefunden hat, verabschiedete eine große Zahl von wichtigen Beschlüssen und Dokumenten, wie es nie zuvor in den letzten Jahrzehnten der Fall war. Unter ihnen nehmen die durch die Synode einstimmig beschlossenen „Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“ eine besondere Stellung ein. Dieses Dokument kodifiziert die orthodoxe Sicht auf eine Fülle von Aspekten der gegenseitigen Beziehungen von Kirche, Staat und Gesellschaft, aber auch auf brennende Probleme der Gegenwart.
Seit Beginn der 80er Jahre wuchs in unserer Kirche das Bedürfnis, den Sinn des zurückgelegten historischen Weges zu ergründen und eine Strategie für die kirchliche Tätigkeit für die nächste Zukunft zu entwerfen. Außerdem hatten sich viele Fragen angehäuft, auf die keine klare kirchliche Antwort gegeben worden war, und auch hätten nicht alle in der Vergangenheit geeigneten Antworten auf heute angewendet werden können. Es war eine echte pastorale Notwendigkeit entstanden, für den Menschen der Gegenwart eine rechte Orientierung im gesellschaftlichen und persönlichen Leben aufzuzeigen. Eine derartige Arbeit konnte nur auf Grundlage einer seriösen Beurteilung der historischen Erfahrung, der daraus gewonnenen Einsichten und einer Standortbestimmung der Kirche hinsichtlich ihrer Beziehung zu den neuen Realitäten durchgeführt werden.
Im 20. Jahrhundert durchlebte die Russische Orthodoxe Kirche eine bisher beispiellose Etappe ihrer Geschichte. Nach einer fast 1000jährigen Unterstützung von Seiten des Staates und der Gesellschaft wurde unsere Kirche im Jahre 1917 mit offener Feindschaft und einer aggressiven, auf die Ausmerzung der Religion zielenden staatlichen Politik konfrontiert. Diese Ereignisse stellten die akute Frage nach der Beziehung der Russischen Kirche zu den verschiedenen politischen Systemen und Ideologien. Hatte es doch die Russische Kirche bis zur Februarrevolution einzig und allein mit der Staatsform einer Monarchie zu tun gehabt, welche die Orthodoxie zum Fundament der Sozialordnung gemacht hatte.
Die besten Geister des damaligen Russland, unter ihnen auch viele Bischöfe, Seelsorger und Theologen, verstanden, dass die Kirche eine gewisse Last der sittlichen Verantwortung für die ausgebrochene Katastrophe trug. Die revolutionären Ereignisse beschleunigten die Erarbeitung eines umfassenden Planes für die Gesundung des kirchlichen Lebens, der auf dem Allrussischen Landeskonzil 1917-1918 erörtert wurde. Aber den Konzilsbeschlüssen war es auf Grund der einsetzenden bolschewistischen Verfolgungen nicht beschieden, zur Gänze umgesetzt und entwickelt zu werden. Unter diesen nicht einfachen Bedingungen versuchte das kirchliche Bewusstsein intensiv, seine Beziehung zur neuen Macht und ihrer Tätigkeit zu klären. Die ersten Schritte in dieser Richtung unternahm noch der heilige Patriarch Tichon (Belavin), der sich in seinen letzten Lebensjahren bemühte, der Kirche im sowjetischen Staat eine legale Stellung zu gewährleisten. Dieses Unterfangen setzte Metropolit, später Patriarch Sergij (Stragorodskij) fort.
Einige Menschen verstehen bis heute das Verhalten der Kirche in der sowjetischen Zeit nicht richtig, indem sie es als Versöhnung mit dem offiziellen Atheismus, ja sogar als Komplizenschaft mit ihm betrachten. Ja, die sowjetische Regierung verlangte wie jedes andere Regime Loyalität gegenüber ihrem politischen System, d.h. den Verzicht auf jedwede Tätigkeit, die ihren Sturz zum Ziel hatte. Und in diesem Sinn eben anerkannte die Kirche die Sowjetmacht, und in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges rief sie ihre Töchter und Söhne zur Verteidigung des Vaterlandes und zum Kampf mit dem Nazismus auf. Dabei war beiden Seiten die Unvereinbarkeit der totalitär-kommunistischen Ideologie und des orthodoxen Glaubens offensichtlich. Eben aus diesem Grunde war es der Kirche verboten, die Mauern des Gotteshauses zu verlassen und auf dem Gebiet der Bildung, Wohltätigkeit, eines weiten Verlagswesens und in der Öffentlichkeit überhaupt aktiv zu sein. Einem aufmerksamen Erforscher der Sowjetzeit in der Geschichte der Russischen Kirche werden Fakten nicht verborgen bleiben, die davon Zeugnis ablegen, dass unsere Bischöfe und Seelsorger sich mit allen Kräften bemühten, das Zeugnis der Kirche in der sowjetischen Gesellschaft zu erhalten und auszuweiten. So haben sie Kirchen und Klöster bei Schließungsversuchen verteidigt, wie das der Metropolit von Tallin und Estland, der heutige Patriarch von Moskau und der ganzen Rus' Seine Heiligkeit Aleksij (Rüdiger) gemacht hat. Oder sie haben die internationalen Kontakte der Kirche ausgedehnt und ihr somit die Unterstützung der Weltöffentlichkeit gewährleistet, wie das der Metropolit von Leningrad und Novgorod Nikodim (Rotov) gemacht hat. Mehr noch, die Kirche hat ihre Unversöhnlichkeit mit der Ideologie des Atheismus durch eine Schar von Märtyrern und Bekennern bezeugt, die trotz Nötigung und physischer Gewalt sich von Christus nicht lossagen und Kirchen und Heiligtümer nicht der Entehrung anheim geben wollten. Ich meine, nicht zufällig wurden die „Grundlagen der Sozialkonzeption der Russchen Orthodoxen Kirche“ eben auf jener Jubiläumssynode beschlossen, die auch mehr als 1000 russische Neumärtyrer und Bekenner kanonisierte. Ihr Zeugnis hat in diesem Dokument seinen Niederschlag gefunden.
Am Ende der 80er Jahre trat unsere Kirche in eine neue Etappe ihrer Geschichte. Es taten sich vor ihr wiederum große Möglichkeiten zur Mission und zum Dienst unter den Menschen der Länder der GUS und des Baltikums auf. Aber die Kirche kehrte jetzt nicht in dieselbe Gesellschaft zurück, aus der sie nach der Revolution herausgerissen worden war. Die Psychologie der Menschen hatte sich verändert, verändert waren die gesellschaftlichen Werte und die äußere Umwelt, in der die stürmische Entwicklung der neuen Technologien ihren Niederschlag gefunden hatte. All das erforderte auch ein neues Wort. Denn in der vorrevolutionären Literatur und umso mehr in den Werken der Heiligen Väter war nichts zu finden z. Bsp. über die ökonomische Globalisierung, über „humanitäre Intervention“, über Klonen oder Geschlechtsumwandlung. Die Kirche stand real vor der Aufgabe, dem orthodoxen Christen eine Antwort zu geben, wie man in der heutigen widersprüchlichen und dynamisch sich verändernden Welt ein solcher bleiben kann.
Mit der Zunahme der Fragen, welche die verschiedenen Seiten des Lebens des heutigen Menschen betreffen, wuchs jedoch auch die Zahl der Antworten. Die Freiheit bot Menschen verschiedener Ansichten – auch innerhalb der Kirche – die Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern. Viele Priester und Laien ließen mitunter einander widersprechende Äußerungen und Handlungen zu, wobei sie sich auf ihr eigenes Verständnis der gesellschaftlichen Probleme stützten. Einige Theologen, religiöse Denker, Personen des öffentlichen Lebens und sogar Politiker nahmen zu „schwierigen“ innerkirchlichen Problemen Stellung, erhoben den Anspruch, den geltenden kirchlichen Standpunkt zu vertreten, und beschuldigten ihre Gegner eigenmächtig der Häresie. Tatsächlich zeigte es sich jedoch, dass die Kirche für viele dieser erörterten Fragen niemals eine bestimmte und verbindliche Beurteilung gegeben hatte.
Gleichzeitig existierte eine große Zahl von Erklärungen der Bischofssynoden, des Hochheiligen Patriarchen und des Heiligen Synods, die verschieden gesellschaftlich bedeutsame Themen betrafen, wie die Beziehungen zwischen Kirche und Staat, Konfliktsituationen in Russland und in der Welt, ökonomische und soziale Probleme, die Haltung zum Krieg und zum Wehrdienst, verschiedene Aspekte der Bioethik, die Entwicklung eines nationalen Rechts, globale Administration usw. Besonders viele solcher Erklärungen erfolgten am Ende der 80er Jahre und in den 90er Jahren. Die Position des Moskauer Patriarchats angesichts der gesellschaftlichen Fragen war jedoch in Dutzenden Dokumenten verstreut, von denen viele keine breite Bekanntheit erlangt hatten.
Mit einem Wort, unsere Kirche war mit der Notwendigkeit der Kodifizierung oder Erarbeitung ihrer Position hinsichtlich vieler aktueller Fragen konfrontiert. Dazu musste die richtige Methode für die Formulierung der kirchlichen Lehre ausgewählt werden, die sich auf die Heilige Schrift und die Heilige Tradition der Orthodoxen Kirche unter Berücksichtigung der russischen theologischen Tradition stützte. Natürlich richtete sich die Aufmerksamkeit auch auf die Errungenschaften des russischen religionsphilosophischen Denkens des 19. und 20. Jahrhunderts. Das erscheint zur Genüge aus dem Text trotz des Faktums, dass in ihm fast keine Religionsphilosophen zitiert werden. Der Vorrang wurde jedoch trotzdem den Grundsätzen der Heiligen Schrift und dem Denken der Kirchenväter eingeräumt.
Von allem Anfang an war es klar, dass ein derart wichtiges Dokument nur durch den konziliaren Verstand der Kirche beschlossen werden konnte. Daher begann die Ausarbeitung des Textes der „Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“ mit dem Beschluss der Bischofssynode des Jahres 1994 über die Schaffung einer entsprechenden Arbeitsgruppe. Die durch den Heiligen Synod der Russischen Orthodoxen Kirche ernannte Gruppe bestand aus Bischöfen, Klerikern, Dozenten der kirchlichen Bildungsanstalten und Mitarbeitern der Synodalen Abteilungen – im Ganzen 26 Personen. Bei Bedarf wurden Experten aus verschiedenen Wissensgebieten zur Mitarbeit beigezogen. Bei den Sitzungen der Arbeitsgruppe, die in einer Atmosphäre konstruktiver kreativer Diskussion verliefen, bemühten wir uns um einen Konsens, indem wir unsere Überzeugungen mit dem Zeugnis der Heiligen Schrift und der Heiligen Überlieferung verglichen. Und es zeigte sich ständig, dass eben jener Weg der Problemlösung, der in der kirchlichen Tradition verwurzelt ist, der goldene, von den Extremen eines einseitigen Zugangs freie Weg ist.
Die provisorischen Arbeitsergebnisse der Gruppe wurden auf der Theologischen Konferenz der Russischen Orthodoxen Kirche „Die orthodoxe Theologie an der Schwelle des dritten Jahrtausends“ und auf einem speziell organisierten Symposium „Kirche und Gesellschaft 2000“ erörtert, das unter Teilnahme von etwa 80 Vertretern verschiedener kirchlicher, staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen durchgeführt wurde. Die Anmerkungen und Vorschläge, die im Laufe dieser Diskussionen vorgebracht wurden, wurden bei der Fertigstellung des Dokumententwurfes berücksichtigt. Schließlich wurde der Text der Grundlagen der Sozialkonzeption auf der Jubiläums-Bischofsynode approbiert.
Die „Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“ sind ein umfangreiches und umfassendes Dokument, das Duzende von Themen behandelt. Ich setze voraus, dass die Mehrheit der Tagungsteilnehmer den vollen Text oder verschiedene Aussagen dieses Dokuments kennen. Daher möchte ich jetzt bloß seine Abschnitte in Erinnerung rufen: „Theologische Grundpositionen“, „Kirche und Nation“, „Kirche und Staat“, „Christliche Ethik und weltliches Recht“, „Kirche und Politik“, „Die Arbeit und ihre Früchte“, „Eigentum“, „Krieg und Frieden“, „Verbrechen, Sühne, Wiedergutmachung“, „Fragen der persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Sittlichkeit“, „Die Gesundheit der Person und des Volkes“, „Fragen der Bioethik“, „Die Kirche und Fragen der Ökologie“, „Weltliche Wissenschaft, Kultur und Bildung“, „Die Kirche und die weltlichen Massenmedien“ und „Internationale Beziehungen. Probleme der Globalisierung und des Säkularismus“.
In vielen Fällen formuliert das Dokument konkrete Regeln für den Episkopat, den Klerus und die Laien – z. Bsp. bezüglich der pastoralen Praxis bei Scheidungen und Abtreibungen, der Mechanismen der gegenseitigen Beziehungen mit verschiedenen Ebenen und Branchen der Staatsmacht und konkreter Verfahrensweisen der Konfliktlösung mit der Staatsmacht und mit Masseninformationsmitteln, darunter auch durch die Vertretung der Interessen der Kirche vor Gericht.
Dank der im Dokument angesprochenen aktuellen Probleme wurde ihm nicht nur in Russland Interesse entgegengebracht, sondern auch im Ausland, und zwar nicht nur in religiösen Kreisen, sondern auch in der weltlichen Gesellschaft. Ich und andere Mitglieder der Synodalen Arbeitsgruppe stellten das Dokument in verschiedenen Diözesen unserer Kirche dem Klerus und aktiven Laien vor. Gemeinsam mit einer Gruppe von Deputierten der Staatsduma – der unteren Kammer des Russischen Parlaments – veranstalteten wir öffentliche Lesungen der „Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“ in Moskau und einigen anderen Städten Russlands. Das Ziel der Lesungen war die Information politischer und gesellschaftlicher Kreise über den Standpunkt der Russischen Orthodoxen Kirche bezüglich vieler Fragen. Außerdem gab es bei uns zahlreiche Möglichkeiten, einzelne Aussagen des Dokuments in den Massenmedien, bei Tagungen und persönlichen Begegnungen mit religiösen, politischen und gesellschaftlichen Persönlichkeiten bekannt zu machen und zu erklären.
Mit großer Genugtuung erfuhr man in der Russischen Orthodoxen Kirche, dass das Dokument auch unter Christen anderer Konfessionen reges Interesse hervorrief. Das Dokument wurde als Diskussionsthema in den theologischen Gesprächen mit der Evangelsich-Lutherischen Kirche Finnlands und der Evangelischen Kirche in Deutschland behandelt, die im Jahre 2002 stattfanden. Das Dokument wurde im Rahmen des Weltrates der Kirchen und der Konferenz Europäischer Kirchen erörtert. Leider muss ich sagen, dass wir bisher dieses Dokument mit Vertretern der Römisch-Katholischen Kirche fast nicht erörtert haben. Der vielleicht einzige Versuch dieser Art war eine Tagung in Deutschland, die im Jahre 2003 durch die Konrad-Adenauer-Stiftung unter aktiver Teilnahme der Stiftung Renovabis und einiger anderer katholischer Organisationen veranstaltet wurde. Ich hoffe, dass die heutige Tagung helfen wird, diese Lücke zu füllen.
Welches Ergebnis haben wir durch den Beschluss dieses Dokuments erreicht? Welchen Beitrag leistet es für das gegenwärtige Leben der Russischen Orthodoxen Kirche? Vor allem kann jetzt die kirchliche Hierarchie auf allen Ebenen auf dem Fundament eines konzeptuellen Zuganges zahlreiche Einzelfragen klären. Das Dokument konstatiert eine Reihe konkreter Normen und Prinzipien und wird zu einer verbindlichen praktischen Handreichung für Bischöfe, Priester und Laien. Das erlaubt den Gliedern der Kirche eine wirklich einheitliche und durchdachte Position im Dialog mit der Staatsmacht und der Gesellschaft einzunehmen. Und den „Außenstehenden“, d.h. der säkularen Gesellschaft, gibt das Dokument der Synode eine klare Vorstellung davon, was die Meinung der Kirche in den gewichtigen Problemen der Gegenwart ist. Nach Maßgabe der Veränderung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens, nach Maßgabe des Erscheinens neuer Probleme und Herausforderungen, die eine Antwort der Kirche erfordern, wird sich die Soziallehre unserer Kirche unzweifelhaft entwickeln und vervollkommnen, weswegen das von der Synode beschlossene Dokument auch die Bezeichnung „Grundlagen“ trägt.
In vielem hängt die Zukunft der Kirche davon ab, ob wir die aus dem Glauben entstandene Lebenssicht in gesellschaftlich bedeutsamen Werken und in überzeugenden Antworten auf die Probleme der Gegenwart umsetzen können, davon, ob wir den Menschen beim Finden der richtigen Lebensprioritäten und im Beschreiten eines echt christlichen Weges helfen können. Ich glaube, der Herr wird uns unterweisen und führen und so das Werk des Heiles auch durch unsere bescheidenen Anstrengungen vollenden.
Übersetzung aus dem Russischen: DDr. Johann Krammer