Am 7. Jänner 2004, dem Fest der Geburt Christi, besuchte der Erzbischof von Wien Kardinal Christoph Schönborn die Kathedrale zum hl. Nikolaus in Wien. Am Kircheneingang wurde er vom Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche bei den europäischen Internationalen Organisationen, dem Bischof von Wien und Österreich Hilarion begrüßt. Der Kardinal wurde zur linken Chorrampe geleitet, von wo er der Göttlichen Liturgie folgte, die Bischof Hilarion in Konzelebration mit dem Pfarrer der Kathedrale Erzpriester Vladimir Tyschuk und den Kathedralklerikern Erzpriester Chrysostomos Pijnenburg und Priester Radoslav Ristic und dem Kleriker der Kathedrale zu Mariä Entschlafung in Budapest Diakon Kyrill Tatarka feierte. Vor dem Beginn des eucharistischen Kanons tauschten Kardinal Schönborn und Bischof Hilarion den Friedenskuss aus.
Nach dem Entlassungsgebet der Göttlichen Liturgie wandte sich Bischof Hilarion in seinem Namen und im Namen der Pfarrangehörigen der Kathedrale zum hl. Nikolaus mit einem Grußwort in deutscher Sprache an den hohen Gast. Kardinal Schönborn begrüßte seinerseits Bischof Hilarion und seine Herde herzlich. (Die Grußworte sind unten beigefügt.)
Nach Beendigung des Gottesdienstes wurde im Refektorium der Kathedrale ein Mittagessen gegeben, während dessen das Oberhaupt der Wiener Erzdiözese der Römisch-Katholischen Kirche die Möglichkeit hatte, sich mit den Klerikern und den Gläubigen der Diözese von Wien und Österreich der Russischen Orthodoxen Kirche zu unterhalten.
Grußwort des Bischofs Hilarion an den Erzbischof von Wien Kardinal Christoph Schönborn aus Anlass seines Besuches in der Russische orthodoxe Kathedrale zum hl. Nikolaus am 7. Januar 2004
Eure Eminenz!
In meinem Namen und im Namen der Russisch-orthodoxen Gemeinde Österreichs begrüße ich Sie herzlich in diesem heiligen Gotteshaus, der Kathedralkirche der Diözese von Wien und Österreich des Moskauer Patriarchats. Diese am Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Kirche ist bis heute eine der architektonischen Sehenswürdigkeiten Wiens. Obwohl sich die Kirche auf dem Territorium der Russischen Botschaft befindet, sind die Pfarrangehörigen nicht nur Russen, sondern auch Ukrainer, Belorussen, Moldawer, Georgier, Österreicher und Vertreter anderer Nationalitäten. Das hängt in erster Linie mit dem multinationalen Charakter der Russischen Orthodoxen Kirche selbst zusammen, die mehr als einhundert Millionen orthodoxe Christen vereinigt, die in verschiedenen Ländern leben und verschiedene Sprachen sprechen.
Heute feiert unsere Kirche das Fest der Geburt Christi. „Heute ist Gott auf die Erde gekommen, und der Mensch ist in den Himmel gestiegen“, heißt es in einem Kirchenlied. Gott wurde Mensch, um uns den Weg in den Himmel zu eröffnen, um unser Leben mit neuem Inhalt zu füllen und um uns Hoffnung auf Heil zu schenken. Wir haben heute auch darum gebetet, dass jeder von uns Teilhaber an diesem großen und verborgenen Heilsgeheimnis werde, das durch das in Bethlehem geborene Christuskind geoffenbart wurde.
Wir haben auch unser inständiges Gebet um den Frieden auf der ganzen Welt, um den Wohlbestand der heiligen Kirchen Gottes und um die Vereinigung aller verrichtet. Zwei Jahrtausende sind nach der Geburt Christi vergangen, aber auf der Erde gibt es nichts Ersehnteres als den Frieden: Viele Länder, darunter auch das Heimatland unseres Erlösers, sind weiterhin eine Arena kriegerischer Konflikte. Fast eintausend Jahre sind vergangen seit der tragischen Spaltung zwischen den Christen des Ostens und Westens, und die Einheit der christlichen Welt ist noch immer nicht wiederhergestellt. Wir sind betrübt darüber, aber wir glauben daran, dass der Herr imstande ist, die zwischen den Menschen errichteten Barrieren niederzureißen. Wir sind dessen eingedenk, dass das Streben nach Überwindung der existierenden Trennungen, nach Wiederherstellung der Einheit der Kirchen und nach Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens unter den Christen der verschiedenen Konfessionen unsere unmittelbare Pflicht ist.
Das „österreichische Modell“ der zwischenchristlichen Zusammenarbeit kann für viele Regionen der Welt als Beispiel dienen, in denen das Niveau des gegenseitigen Verständnisses von Orthodoxen und Katholiken bedeutend niedriger ist. Einen bedeutsamen Beitrag zur Schaffung dieses Modells hat Ihr Vorgänger Kardinal Franz König geleistet, dessen Werk Sie, Eminenz, in würdiger Weise fortsetzen. Als einer der führenden Hierarchen der Römisch-Katholischen Kirche empfinden Sie gleichzeitig auch eine tiefe Liebe zur Orthodoxie, was nicht nur Ihre kirchliche Tätigkeit zeigt, sondern auch Ihre theologischen Werke, die der Tradition der Ostkirche gewidmet und in der orthodoxen Welt weit bekannt sind.
Erlauben Sie mir, Eure Eminenz, Sie zum Schluss zum Fest zu beglückwünschen, für Ihren Besuch zu danken und Ihnen die kraftvolle Hilfe Gottes im Dienst der Kirche und im Werk der christlichen Einheit zu wünschen. Unser in Bethlehem geborene Herr Jesus Christus bewahre Sie auf viele und gute Jahre!
Ansprache Seiner Eminenz des Erzbischofs von Wien Kardinal Dr. Christoph Schönborn in der russisch-orthodoxen Kathedrale zum hl. Nikolaus in Wien am 7. Jänner 2004
Vladyko, liebe Brüder und Schwestern!
Mit großer Dankbarkeit durfte ich heute das hohe Weihnachtsfest mit Ihnen zusammen in dieser so schönen und mir lieben Kathedrale feiern. Ich war in dieser Kathedrale zum ersten Mal im Jahr 1968 als Student, als Bischof Melchisedek hier Bischof von Wien und Österreich war. Mit großer Dankbarkeit erinnere ich mich an den Besuch Seiner Heiligkeit des Patriarchen Aleksij hier in dieser Kathedrale im Jahr 1997, wo ich auch Gast sein durfte. Im selben Jahr hatte ich die Freude, Sie, Vladyko, in Moskau kennen zu lernen, als ich als Gast Seiner Heiligkeit Moskau und St. Petersburg besuchen durfte. Damals konnte ich noch nicht wissen, dass wir die Freude haben werden, dass Sie einmal als Bischof der Russischen Orthodoxen Kirche für Wien und Österreich zu uns kommen werden. Ich konnte zu Ihrer Einführung in die Kathedrale nicht kommen, umso mehr freut es mich, dass ich heute das Weihnachtsfest mitfeiern durfte.
Christus ist geboren als kleines Kind in einem armen Stall in Bethlehem. Gott hat sich so klein gemacht, um bei uns zu sein. Das muss unser Herz bewegen, wenn Gott so demütig ist, dass auch wir miteinander demütig sind. Wenn Gott so barmherzig ist mit uns, dann müssen auch wir miteinander barmherzig sein. Der hl. Maximus hat gesagt: „Nichts kann das menschliche Herz mehr bewegen als die Barmherzigkeit und die Demut Gottes.“
Die Spaltung zwischen unseren Kirchen ist oft auch das Ergebnis unserer menschlichen Sünden. Und deshalb dürfen wir, wenn wir bei der Krippe von Bethlehem miteinander beten, nur Gott bitten, dass Er uns unsere Sünden verzeiht und dass wir neu lernen, miteinander barmherzig zu sein, auch zwischen unseren Kirchen, dass Wahrheit und Liebe sich umarmen, wie der Psalm sagt. Und in diesem Sinne, Vladyko, freut es mich, dass wir heute einander den Friedensgruß geben durften. Möge dieses Zeichen auch ein Zeichen der Hoffnung sein.
Ich darf Sie, Vladyko, bitten, Seiner Heiligkeit dem Patriarchen Aleksij meine herzlichen und ergebenen Weihnachtsgrüße zu übermitteln. Und auch Ihnen sage ich für Ihren Dienst in Wien und in Österreich ad multos annos – mnogaja leta, Vladyko. Und allen ein gesegnetes, freudiges, ja auch fröhliches Weihnachtsfest!