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Russian Orthodox Church representation to the European Institutions
Russian Orthodox Church
Representation to the European Institutions

Eglise Orthodoxe Russe
Representation pres les Institutions Europeennes
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Church and Society
Kirche, Nation, Staat: Die Sicht der Russischen Orthodoxen Kircheim Kontext des Ost-West-Diskurses

Erzpriester Vsevolod Chaplin

Die gegenseitigen Beziehungen zwischen Kirche, Nation und Staat sind eines der Hauptthemen der Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche. Die Sichtung dieses Fragenbereiches wird auch für unsere aktuelle Konferenz als äußerst wichtig erachtet, wird doch die Sphäre behandelt, in der fundamentale Unterschiede zwischen dem Verständnis der Welt durch das westliche – katholische und protestantische – Christentum einerseits und durch das östliche – orthodoxe – Christentum andererseits aufscheinen; letzteres kennt ja die „Zwei-Schwerter-Lehre“ nicht und tendiert dazu, die Sozialordnung auf dem Fundament der religiösen Werte zu errichten, die Gemeinschaft der Gläubigen mit der Nation zu identifizieren und den Staat als äußeren Hüter des Glaubens und der Kirche anzusehen.

Bei der Erarbeitung des Projekts der Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche kam es zu lang dauernden Auseinandersetzungen zwischen russischen „Westlern“ und „Slawophilen“ – zu Diskussionen, die in der aktuellen russischen Geisteswelt und Politik fortgesetzt werden. Argumente und Ideen der ersten wie auch der zweiten Gruppe wurden vorgebracht. Die wichtigsten Grundlagen für die Schlussfolgerungen des Dokuments wurden jedoch die Heilige Schrift und die kirchliche Tradition.

Die Beziehungen von Kirche und Nation, welche als Ethnos und/oder als Gemeinschaft der Staatsbürger verstanden wird, waren immer eine der zentralen Fragen des orthodoxen gesellschaftlichen Denkens. Die Wechselbeziehung von Patriotismus und Universalismus und die Lehre von der Integrität des orthodoxen Volkes und der Notwendigkeit der Achtung vor den Menschen anderer Nationalität und anderen Glaubens sind oft in den Themen der theologischen, philosophischen und religiös-gesellschaftlichen Diskussionen präsent.

Die Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche sagen zu diesem Thema Folgendes: “Ihrem Wesen nach universal, ist die Kirche zugleich ein einheitlicher Organismus und Körper (1 Kor 12,12)“. Ihre Einheit „gründet nicht in der nationalen, kulturellen oder sprachlichen Gemeinschaft, vielmehr im Glauben an Christus und in der Taufe. Das neue Volk Gottes hat ‚hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern es sucht die künftige' (Hebr 13,14). Die geistige Heimat aller Christen ist nicht das irdische, sondern das ‚himmlische' Jerusalem (Gal 4,26)...

Der universale Charakter der Kirche bedeutet allerdings nicht, dass die Christen kein Recht auf nationale Eigenart und nationale Selbstverwirklichung hätten... Der christliche Patriotismus bezieht sich in gleicher Weise auf die Nation als ethnische Gemeinschaft wie auf die Gemeinschaft der Staatsbürger. Der orthodoxe Christ ist aufgerufen, sein Vaterland, im Sinne eines bestimmten Territoriums, zu lieben, desgleichen seine über die Welt verstreuten Blutsbrüder... Wenn die Nation – bürgerlich oder ethnisch – vollständig oder überwiegend eine monokonfessionelle Gemeinschaft ist, kann sie in gewissem Sinne als einheitliche Glaubensgemeinschaft betrachtet werden- als orthodoxes Volk“ (GSK, II.1-3).

Somit wird die Anerkennung der Bedeutung des irdischen Vaterlandes und der Möglichkeit der Existenz eines orthodoxen Volkes mit der universalen Dimension der Kirche verbunden. Dabei schließen sich verschiedene Minderheiten, die den orthodoxen Glauben nicht bekennen, von der geistlichen Mission dieses Volkes aus. Aber trotzdem müssen sie geachtet und frei von jeglichem Hass und jeder Diskriminierung sein. Entsprechend dem Dokument „können nationale Gefühle Anlass zu sündhaften Erscheinungen geben, wie aggressivem Nationalismus, Xenophobie, nationaler Auserwähltheit sowie interethnischer Feindschaft... Der orthodoxen Ethik widerspricht jede Einteilung der Völker in bessere und schlechtere wie auch die Herabwürdigung jeglicher ethnischer oder bürgerlicher Nation. Noch weniger lässt sich die Orthodoxie mit solchen Lehren vereinbaren, die die Nation an die Stelle Gottes setzen oder den Glauben lediglich zu einem Aspekt des nationalen Selbstbewusstseins reduzieren“ (GSK, II.4).

Trotzdem wird – wie aus den obigen Ausführungen hervorgeht – der Begriff der orthodoxen Nation keineswegs verworfen. Die enge Verbindung von Volk und Glaubensgemeinschaft wird durch die Russische Orthodoxe Kirche als positiver zukunftsweisender Wert gesehen und nicht als „Überbleibsel vergangener Jahrhunderte“. Das entspricht der Überzeugung der Mehrheit meiner Glaubensbrüder von der einzigartigen Erlösungsfunktion der Orthodoxie und der sie bewahrenden Kirche. Daraus ergibt sich eine besondere Beziehung zu Konflikten zwischen orthodoxen und andersgläubigen Gemeinschaften. Wenn der potentielle Ausweg aus einem derartigen Konflikt die Gefahr der Einpflanzung eines „fremden Glaubens“ in sich birgt, gilt der Widerstand gegen eine solche Gefahr, da sie die Menschen mit dem Verlust des ewigen Heils bedroht, als bedeutend wichtiger als die Sorge um die Bewahrung der irdischen Existenz, die bei einem Glaubenswechsel ihren Sinn verliert. Der physische Tod gilt als weit höheres Gut als die Fortsetzung des irdischen Lebens unter einer harten heterodoxen oder gottlosen Herrschaft.

So wird verständlich, warum die Orthodoxe Kirche ihre Glieder zur bewaffneten Verteidigung „des Glaubens und des Vaterlandes“ segnet und warum z.B. in Russland bis heute die Glaubenstat des heiligen Patriarchen Ermogen geehrt wird, der das Volk zum Kampf gegen die polnisch-litauischen Eindringlinge angespornt hat, deren Sieg die Gefahr der Bekehrung zum Katholizismus mit sich gebracht hätte. Auch der Sorge um die – nationalen und religiösen – Heiligtümer kann eine höhere Priorität als irdischen Interessen zugeschrieben werden. Man ist der Meinung, dass man zur Vermeidung der Schändung sakraler Gegenstände das eigene Leben opfern kann und muss: sie sind in gewissem Sinn ein Teil der himmlischen, überirdischen Wirklichkeit und daher weitaus bedeutender als alle irdische Wirklichkeit. Nicht zufällig gingen im Jahre 1922 russisch-orthodoxe Bischöfe, Priester und Laien in den Tod, nachdem sie vorher mit Leichtigkeit den Bolschewiken kirchliche Wertgegenstände übergeben hatten, die keine sakrale Bedeutung hatten, wogegen sie sich aber gleichzeitig weigerten, gottesdienstliche Geräte herauszugeben.

Kommen wir zum Thema „Kirche und Staat“. Die Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche anerkennen eine Sozialordnung, die in der Religion gründet, als höhere Staatsform im Vergleich zu einem säkularen Staat. Im Einklang mit der Heiligen Schrift hebt das Dokument die im Alten Testament beschriebene Richterzeit hervor, in der „sich die Staatsgewalt nicht auf ihre Zwangsbefugnisse, sondern auf ihre durch Gott sanktionierte Autorität stützte“. Unter einer Monarchie „bleibt die Staatsgewalt gottgegeben; bei ihrer Ausübung stützt sie sich jedoch nicht so sehr auf ihre geistige Autorität, sondern vielmehr auf Zwang. Der Übergang von der Herrschaft der Richter zur Monarchie bewies das Nachlassen des Glaubens, was dazu führte, dass der Unsichtbare Herrscher durch einen sichtbaren Herrscher ersetzt wurde“ (GSK, III.7). Das Dokument stellt fest, dass sich die Modelle und Formen der Beziehungen zwischen Kirche und Staat im Laufe der Geschichte verändert haben, aber es hebt dabei das Modell der Symphonie hervor, das in Byzanz entstanden war und darauf in der alten Rus' praktiziert wurde (GSK, III.4).

Somit wird ein Staat, der sich seiner religiösen Pflicht bewusst ist, - der orthodoxe Staat – als ideal und am erstrebenswertesten anerkannt. Ein religiös unmotivierter Staat wird bedeutend geringer eingeschätzt: „Die Durchsetzung der Gewissensfreiheit als legales Prinzip verweist auf den Verlust von religiösen Zielen und Werten in der Gesellschaft, den massenhaften Abfall vom Glauben sowie die faktische Indifferenz gegenüber dem Auftrag der Kirche und der Überwindung der Sünde. Dieses Prinzip erweist sich jedoch als eines der Mittel, die die Existenz der Kirche in einer nichtreligiösen Welt ermöglichen, insofern es dem legalen Status der Kirche sowie ihrer Unabhängigkeit gegenüber den anders- oder nichtgläubigen Schichten der Gesellschaft zugrunde liegt“ (GSK, III.6).

Gleichzeitig wird im Dokument festgestellt: „Das Prinzip der Weltlichkeit des Staates darf nicht im Sinne einer radikalen Verdrängung der Religion aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens, insbesondere des Ausschlusses der religiösen Vereinigungen von der Mitwirkung bei der Bewältigung öffentlich relevanter Aufgaben oder des Entzugs ihres Rechts auf Bewertung der Tätigkeit der Staatsgewalt ausgelegt werden. Dieses Prinzip impliziert lediglich eine gewisse Abgrenzung der Zuständigkeitsbereiche der Kirche und der Staatsgewalt, die gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“ (GSK, III.3).

Die Zusammenarbeit der Kirche mit dem säkularen Staat „ist auf eine bestimmte Anzahl von Bereichen beschränkt und gründet sich auf die gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen. Jedoch ist sich der Staat in der Regel bewusst, dass das irdische Wohlergehen undenkbar ist ohne die Beachtung gewisser moralischer Normen, die auch für das ewige Heil des Menschen unerlässlich sind. Deshalb können Aufgaben und Tätigkeit von Kirche und Staat nicht nur in der Erlangung von rein irdischem Nutzen, sondern auch in der Verwirklichung des Heilsauftrages der Kirche übereinstimmen“ (GSK, III.3).

Die Grundlagen der Sozialkonzeption zählen die Bereiche auf, in denen die Kirche ihre Bereitschaft zum Zusammenwirken mit dem Staat erklärt. Zu ihnen gehören der Einsatz für den Frieden, die Sorge um die Wahrung der Sittlichkeit in der Gesellschaft, die spirituelle, kulturelle, ethische und patriotische Bildung und Erziehung, Werke der Barmherzigkeit und Wohltätigkeit, der Einsatz für die Bewahrung der Umwelt, die Stützung der Einrichtung der Familie, der Mütter und Kinder und vieles andere.

Es sollte jedoch aber auch nicht vergessen werden, dass es eine Reihe von Bereichen gibt, wo eine Zusammenarbeit von Kirche und Staat mühsam und manchmal unmöglich ist. Die Kirche kann etwa kraft ihres Wesens keinen Segen zu einem Aggressions- oder sogar Bürgerkrieg erteilen, es obliegt ihr nicht, im politischen Kampf teilzunehmen (wie bekannt hat die Russische Orthodoxe Kirche den Geistlichen verboten, bei Wahlen zu kandidieren, und sie unterstützt bei Wahlen keine Kandidaten und Parteien wie immer).

Die Kirche und der säkulare Staat haben verschiedene Aufgaben, denn ihre obersten Werte sind verschieden. Wie seltsam es auch der Welt scheinen möge, für die Kirche ist die irdische Existenz der Person und der Familie, des Landes oder Volkes, eines politischen Systems oder sogar der gesamten sichtbaren Welt kein absoluter Wert. Der Jünger Christi muss bereit sein, auf menschlich Notwendiges und Wichtiges um der Treue zum geistlichen Ideal des Evangeliums willen zu verzichten. Der Christ kann seine Hand dem schlimmsten Feind entgegenstrecken und dem bösesten Beleidiger verzeihen. Er kann um der Liebe und des Verständnisses willen jedes der Welt noch so wichtige Prinzip opfern. Gleichzeitig aber bewahrt er mit ungewöhnlicher Konsequenz die Treue dem Geist Christi gegenüber, der für die säkulare Umwelt bisweilen unverständlich und manchmal sogar feindlich ist.

Die Orthodoxie lehrt die Nebensächlichkeit der edelsten irdischen Ziele angesichts des geistlichen Lebens. Diese Überzeugung muss der säkulare Staat verstehen und akzeptieren. Die völlige Einheit eines solchen Staates und der Kirche ist unmöglich; denn ansonsten hört entweder der Staat auf, er selbst zu sein, oder die Kirche verliert ihren prophetischen Eifer. Das Zusammenwirken von Kirche und Staat muss frei sein, ohne Druck und Zwang.

In den Diskussionen mit unseren westlichen Kollegen gab es schon ziemlich heftige Auseinandersetzungen über einige jener Positionen, die ich soeben dargelegt habe. Gewöhnlich sagen die Kritiker der Grundlagen der Sozialkonzeption, dass das Dokument die katholische Sozialkonzeption von Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts wiederhole. Tatsächlich gibt es in unserem Dokument und in der damaligen katholischen Gedankenwelt viele Entsprechungen. Ich würde jedoch den Kritikern nicht zustimmen, sollten sie behaupten, dass das frühere katholische und das heutige orthodoxe soziale Denken der Vergangenheit angehörten. Ich wage die Behauptung, dass alles genau umgekehrt ist. Die strikte Trennung von Religion, Nation und Staat hat sich historisch als unhaltbar erwiesen. Diese Tendenz, die für die „vegetarische Zeit“ charakteristisch war, wird ehestbaldig unter ihren Scherben begraben werden in der Zeit einer sich verstärkenden – auch bewaffneten – Polarität von Menschen mit verschiedenen Wertsystemen. Es ist bemerkenswert, dass die Anhänger einer radikalen Observanz des Islam genau so wie ihre Opponenten immer mehr an die Religion appellieren, und dabei auch an eine humanistische, bürgerliche „Religion“.

Was sollen wir tun? Einfach auf die Eskalation des Konflikts warten? Das Problem in der naiven Hoffnung ignorieren, dass es in der Folge der politischen und ökonomischen Veränderungen bald verschwinden wird? Es legt sich der Gedanke nahe, dass ein Ausweg in der neuerlichen In-Kraft-Setzung verschiedener Sozialordnungen gefunden werden kann, darunter auch religiös motivierter. Zuerst müssen die verschiedenen Auffassungen von den gegenseitigen Beziehungen von Religion, Staat und Ethnos sorgfältig studiert werden im Bemühen, diese Auffassungen und ihre theologischen und sozialen Voraussetzungen zu verstehen. Des Weiteren erscheint es unumgänglich, eine harmonische Koexistenz der verschiedenen gesellschaftlichen Modelle anzustreben, nicht nur auf dem Niveau eines kulturellen Austausches, sondern auch auf dem Niveau internationaler Konventionen und eines Krisenmanagements.

Unser Kontinent ist pluralistisch, und dieses Faktum muss auf höchster politischer Ebene anerkannt werden, um gleichzeitig einen echt flexiblen Mechanismus zur Abwehr und Lösung von Konflikten zu schaffen. Kein anderer kann ein besserer Verkünder eines solchen Weges sein als die Kirchen und religiösen Gemeinschaften.

Im Protestantismus und teilweise auch in der katholischen Welt entwickelte sich die Tradition eines christlichen Humanismus. Im Mittelpunkt der Soziallehre und des sozialen Wirkens vieler westlicher Kirchen stehen das irdische Leben des Menschen, seine Lebensgestaltung, die Sorge um die Menschenrechte und seine Selbstverwirklichung in der Gesellschaft. In diesem Wertesystem spielt das Glaubensbekenntnis keinerlei Schlüsselrolle kraft der Lehre von der Apokatastasis (dem allumfassenden Heil) oder vom Heil auf Grund moralischer Verdienste – einem tugendhaften Leben, der Hilfe für den Nächsten usw. Übrigens lässt die aktuelle westliche christliche Weltanschauung die Existenz höherer Werte als das irdische Leben des Menschen, den Komfort oder die Selbstverwirklichung zu. So wurde wiederholt bekannt, dass der Mensch sein Leben und sein Wohlergehen um der Verteidigung seines Landes, des Kampfes gegen die Apartheid, des Einsatzes für die Bürgerrechte, des Aufbaus der Demokratie usw. willen opfern kann und muss.

Man kann übrigens das westliche Modell kaum als einzig universal anerkennen. Für viele orthodoxe Christen bedeuten religiöse Werte absolut mehr als das irdische Leben und seine Prioritäten. Der Weg zur ewigen Seligkeit – ein „enger“ und einziger Weg – wird von ihnen gewöhnlich ausschließlich mit dem eigenen Glauben und der von ihm vorgeschriebenen Lebensweise assoziiert. Die moralische Vollkommenheit wird nicht nur als durch gute Werke erreichbar erachtet, sondern vor allem durch die mystische Praxis. Gute Werke, die ohne wirklichen Glauben vollbracht werden, werden für geistlich unfruchtbar gehalten, denn sie führen nicht zum Heil. Für einen orthodoxen Christen ist es schwer zu rechtfertigen, wenn sein Glaubensbruder seine Kirche verlässt, da ein solcher Schritt ja als Weg ins ewige Verderben gilt. Vorstellungen vom irdischen Wohlergehen – die Bewahrung des Lebens und der Freiheit, des Komforts und des Wohlstandes – sind für die Mehrheit der Orthodoxen keine Legitimierung für ein Verhalten, das zu einem Glaubenswechsel oder zur Entweihung von Sakralem führen kann.

Für die einen von uns sind also das irdische Leben, die Rechte und Freiheiten des Menschen die Hauptsache, für die anderen die Erlangung des ewigen Lebens auf Grundlage der einzigen und absoluten Wahrheit, als deren ideale Form der integre „symphonische“ Organismus der Nation als einheitlicher Glaubensgemeinde anerkannt wird.

Die Ereignisse des Jahres 1999 im Kosovo und in seiner Nachbarschaft ließen die zwei Weltanschauungen aufeinander prallen. Für die einen Menschen war die Verteidigung ihres Landes und ihrer Heiligtümer um einen beliebigen Preis wichtig, sogar um den Preis des eigenen oder fremden Lebens. Für die anderen hatte die Rettung der ethnischen Minderheit selbst um den Preis der Desintegration des Staates Priorität. Das internationale Recht ermöglicht den Vorrang sowohl des ersten Wertes – des Lebens der Bürger – als auch des zweiten – der Integrität des Staates. Der zweite Wert war nur durch eine überlegene Militärmacht durchsetzbar, was den rechtlichen und philosophischen Streit in keiner Weise gelöst hat.

Am 11. September 2001 ließen auch die Kampfhandlungen in Afghanistan zwei einander ausschließende „globale Projekte“ aufeinander prallen – das liberal-westliche und das radikal-islamische Modell. Jedes setzt auf die gewaltsame Durchsetzung seiner Werte und Aufgaben, seiner Lebensweise und seines politischen Systems und Rechtsystems. Die Konkurrenz dieser Modelle – wie auch aller beliebig anderen – ist möglich und normal, solange sie mit friedlichen demokratischen Mitteln ausgetragen wird. Aber ihr Übergang in ein Stadium der Waffen bringt – ebenso wie viele Beispiele von „struktureller Gewalt“ zeigen - nur das Anwachsen und die Eskalation von Konflikten mit sich.

Wie soll man den fatalen Zusammenprall von verschiedenen Weltanschauungen und Idealen der Gesellschaftsstruktur vermeiden? Vor allem durch den Verzicht eines jeden von ihnen auf das Monopol auf „allgemeinmenschliche Werte“, durch den Verzicht auf den Anspruch auf Universalität und Objektivität, auf größte Progressivität und Zivilisation. Man muss von Versuchen Abstand nehmen, die Träger der einen oder anderen Weltanschauung durch Gewalt, diplomatischen Druck oder Informationsdruck und durch eine aufgezwungene, durch Kräfte von außen finanzierte „Aufklärung“ umzuformen. Jede Gesellschaft muss selbst entscheiden, wie sie leben soll, sogar wenn dies dem Willen anderer Länder oder dem Willen einiger Gruppen von Dissidenten widerspricht Die Mehrpoligkeit und Pluralität der Welt müssen zum höchsten Gesetz der Koexistenz der Völker, der Religionen, Kulturen und politischen und ökonomischen Systemen werden.

Gleichzeitig muss man die Anhänger einer integralen religiösen Weltanschauung zur Achtung der Minderheiten veranlassen, und die Vertreter eines liberalen Humanismus dazu, dass die konsequenten Gläubigen entsprechend den eigenen Regeln in den Gesellschaften leben können, in denen der Säkularismus vorherrscht, und dass sie die Möglichkeit haben, diese Gesellschaften mit Hilfe demokratischer Verfahrensweisen umzugestalten.

Die Globalisierung stellt die Welt entscheidend vor die Frage nach den Werten und der Macht. Die Achtung vor verschiedenen Wertsystemen – und zwar nicht nur hinsichtlich der persönlichen Wahl, sondern auch hinsichtlich der Grundlage des sozialen Wirkens und der Sozialstruktur – wird den „Clash of Civilisations“ zu vermeiden helfen. Eine gerechtere Machtverteilung auf internationaler Ebene wird es der Mehrheit der Bewohner der Erde ermöglichen, sich nicht des Rechtes beraubt zu fühlen, das eigene Schicksal und das Schicksal der Menschheit zu bestimmen.

Übersetzung aus dem Russischen: DDr. Johann Krammer

(Deutsche Zitate aus den „Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“ wurden weitgehend aus folgendem Werk übernommen:

Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Deutsche Übersetzung mit Einführung und Kommentar. Herausgegeben von Josef Thesing und Rudolf Uertz. Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Sankt Augustin 2001)



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